Eine Zeitreise ins Mittelalter – Geschichte erleben in S. M. Feira/Portugal

Am 31. Tage des siebenten Mondes, Anno Domini 2014, sind die Mannen des Königs, Don Sancho II, in meine Heimatstadt einmarschiert. Mit ihnen kam ein Troß von Händlern, Schaustellern und Gauglern. Aber auch die Frauen und/oder Konkubinen begleiteten die Ritter, Bogenschützen und Fußsoldaten auf ihrem Weg ins Land hinter dem Tejo. Das Ziel ist die Reconquista von Elvas, welches sich in der Hand der Ungläubigen befindet, seit die Araber im 7. und 8. Jahrhundert in die christlichen Reiche der Westgoten und Sweben eingefallen waren. Karl I., seinerzeit König der Franken, stellte sich dem bis dahin unaufhaltsamen moslimischem Heer entgegen und schlug sie in der Schlacht zu Poitiers.


Von: Rui Filipe Gutschmidt
Vom 31. Juli bis zum 10. August 2014 fand in meinem Städtchen ein Event statt, daß Jahr für Jahr mehr Menschen anlockt und auch 2017 wieder dem lokalem Handel einen zusätzlichen Aufschwung verschaffen wird. Die ”Viagem Mediaval”, die Reise ins Mittelalter also, findet schon seit 21 Jahren statt und versetzt das kleine Städtchen zurück ins Mittelalter. Im größtem Event dieser Art auf der Iberischen Halbinsel, wenn nicht gar ganz Europas, gibt man sich alle Mühe, um die Besucher aus aller Welt auf eine Zeitreise mitzunehmen. 11 Tage lang fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit des Königs Don Sancho II., als Portugal nur halb so groß war wie heute und als die Reconquista – Zurückeroberung – das Land in ständige Unruhe versetzte. Aber der Alltag des Volkes hatte nicht viel mit den glorreichen Schlachten, Eroberungen und heldenhaften Rittern in glänzenden Rüstungen zu tun. D. Sancho II. wurde 1209 geboren, 1223, im Alter von 14 Jahren gekrönt und starb 1248 im Exil, nachdem er sich mit der Kirche angelegt, exkommuniziert und das Land in einen Bürgerkrieg gestürzt hatte. Damals wie heute muß das Volk unter den Machtkapriolen der herrschenden klasse leiden.
Das Leben und die Taten der Adligen stehen in den Geschichtsbüchern, doch Auswendiglernen von Daten und Ereignissen ist der Geschichtsunterricht von gestern. Die neuere Herangehensweise der Geschichte fragt nach dem Leben der einfachen Leute, dem Aufbau und der Funktionsweise der Gesellschaft und den kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Epoche. Denn wozu dient das Studium der Geschichte, wenn nicht um daraus zu lernen. Doch leider wiederholen wir die Fehler der Vergangenheit immer und immer wieder. Andererseits gibt es positive Beispiele für eine funktionierende Gesellschaft, die aus den verschiedensten Gründen und meist aus rein egoistischen Interessen als Utopien und nicht realistisch abgetan werden. Darum ist es wichtig, daß wir uns mit unserer Geschichte konstruktiv auseinandersetzen, um unsere Zukunft besser zu gestalten.
In diesem Sinne gibt es in Santa Maria da Feira viel zu sehen und daher auch viel zu lernen. Entgegen der gängigen Lesweise, die den Iberischen “Kreuzzug” als einen ständigen Krieg zwischen Christen und Mauren darstellt, gab es lange Zeiten des Friedens, einen regen Austausch zwischen den Kulturen und nicht selten, so die Sagen und Legenden, eine maurische Prinzessin, die mit einem Christen “durchgebrannt” ist oder andersherum eine christliche Prinzessin, die von einem Mauren “geraubt” wurde. In Marokko erzählt man sich diese Geschichten mit Sicherheit andersherum, was “Durchbrennen” oder “Rauben” betrifft. D. Sancho II., dessen Regierungszeit in S.M. Feira nachgestellt wird, ist ein gutes Beispiel dafür. Auch wenn der Streit zwischen Krone und Klerus, wie überall in den christlichen Reichen dieser Zeit, auch hier wohl vor allem um Land und Steuergelder ging, so hatte er gute Beziehungen zu den Mauren, was zum Kirchenausschluß durch den Papst führte. Der Bann wurde aufgehoben, nachdem sich der König bereit erklärte, die Reconquista voranzutreiben.
Was aber findet der Besucher dieser Zeitreise im historischem Stadtzentrum von Feira? Im Wesentlichen findet man einen mittelalterlichen Markt und ringsherum haben wir Musiker Gaugler und Artisten, Straßentheater und alles in zeitgenössischen Kostümen. Auch wenn es keinen Dresscode gibt, Handys und sonstige Technologie von Seiten der Besucher erlaubt sind, so müssen sich die Händler an die Produkte und Materialien der Zeit halten. Kein Plastik, Limonade nur selbstgemacht, keine Cola, Bier, Kartoffeln und Tomaten. Man versucht die Zeit nachzustellen, um uns daran zu erinnern, was wir gewonnen und was wir verloren haben. Bezahlt wird aber in Euro, was uns dann doch wieder in die Gegenwart holt und uns an die Schattenseiten unserer modernen Welt erinnert.
Ich gehe über den Marktplatz, halte kurz inne und schließe die Augen. Die Gerüche von gebratenem Fleisch, Wein, Kräutern und Blumen vermischen sich. Die Musikanten spielen ungewohnte Melodien auf ungewöhnlichen Instrumenten. Ich öffne die Augen wieder und blende alles Moderne aus, soweit möglich. Zwischen farbenfrohen Kostümen, derer die sich als Adlige oder reiche Bürger verkleidet haben, gibt es unzählige Figuranten und Besucher, die sich für die einfache Kleidung der Bauern und Handwerker entschieden haben. Gegen Abend erscheinen die ersten exotischen Gestalten. Kräuterhexen und Wahrsager murmeln magische Sprüche, während sie allerlei Kräuter und Wurzeln in einen Topf werfen, der auf dem Feuer steht.
An einer anderen Stelle vollzieht ein Mönch einen Exorzismus, und Bettler sitzen in ihre Lumpen gekleidet inmitten des ganzen Treibens. Eine Prozession singender Mönche zieht vorbei, und die gregorianischen Gesänge hören sich deplaziert an. Ich denke mir, daß diese Gesänge für die besondere Akustik der Klöster und für das spirituelle Ambiente der gotischen Kathedralen geschaffen wurden. Die Marktstände bieten Handarbeiten aller Art an. Schmuck, in edlen und unedlen Metallen, Lederbänder, Taschen, Gürtel, Schnitzereien und vieles mehr. Töpferware wird nicht nur zum Verkauf angeboten. Der Töpfer zeigt seine Kunst an der Töpferscheibe, und es gibt sogar Workshops, wo man selbst die Kunst der Töpferei erlernen kann. Das Spinnen von Wolle ist ebenso eine Kunst, die man in einem dieser Workshops sich aneignen kann.
Die Beleuchtung der Burg kommt nicht ganz ohne Elektrizität aus. Denn der Höhepunkt der Show steht kurz bevor. Daß der Höhepunkt eine Nachstellung einer kriegerischen Auseinandersetzung sein muß, ist kein Zufall. Denn Krieg ist so ziemlich alles, was der Adel seinerzeit machte. Also wird auch dieser, nicht unwichtige Aspekt mittelalterlichen Lebens nachgestellt. Es gibt Vereine, deren Mitglieder es zu ihrem Hobby gemacht haben, sich als Ritter zu verkleiden, Schwertkampf und Bogenschießen zu üben, um dann an Events wie diesem teilzunehmen. Nicht selten werden diese Vereine angeheuert, um Statisten für Filme und TV-Serien zu liefern.
Als ich mal ein paar Amateurvideos vom Sturm auf die Burg gesehen habe, war ich enttäuscht und dachte daher nicht, daß mir die Inszenierung gefallen würde. Doch wenn man die Brandpfeile durch die Luft zischen hört, der Rauch von brennenden Strohballen einem in die Nase steigt und man die Trommeln nicht nur hört, sondern in der Magengegend spürt, verhält sich das schon anders. Man ist “mittendrin, statt nur dabei” und das Adrenalin bringt das Blut in Wallung. Als würden diese Reize, wie bei einem pavlowschen Reflex, einen Urinstinkt in uns in Gang setzten. Wie Gedanken und Gefühle aus einem früherem Leben, ein Déjà-vu, so kommt mit das alles bekannt vor. Ausgerechnet das Schlachtgetümmel ist mir so vertraut, als wäre meine Seele ständig im Krieg gewesen. Das gibt mir zu denken, da es mit meinen jetzigen Überzeugungen nichts am Hut hat.
Doch das bringt mich wiederum zum Anfang meines Artikels und zu dem, was das Studium unserer Geschichte uns bringen sollte. Wenn wir zum Nachdenken gebracht werden, dann hat die Organisation der “Viagem Mediaval” etwas richtig gemacht.
Zu kritisieren gibt es die zu hohen Preise, sei es für alle diejenigen, die einen Verkaufsstand anmelden wollen, was sich auf deren Verkaufspreise niederschlägt, sei es für die Besucher. Diese zahlen ein Tagesticket von 2, am Wochenende 3 Euro oder erwerben ein Armband für 5 Euro, das für die Gesamtdauer der Zeitreise gilt und unübertragbar ist. Das Armband wird entwertet, wenn man versucht, es zu entfernen. In Zeiten der Krise, wo die Menschen kein Geld in der Tasche haben, sollten die Organisatoren zumindest für die Bewohner von Feira den Eintritt erlassen. Als man vor ein paar Jahren damit begann, das historische Stadtzentrum Nachmittags zu schließen, um Eintritt zu verlangen, war ich darüber so verärgert, daß ich einige Jahre lang von dem Ganzen nichts wissen wollte. Die Krankheit meiner Mutter hat mir auch keine Zeit und unsere finanzielle Lage kein Geld für solche Ereignisse gelassen. Dieses Jahr habe ich aber entschieden, wieder hinzugehen, und ich habe es nicht bereut!
Zum Schluß noch möchte ich mich bei den Brüdern, die das Restaurant “Porto de la Cruz” besitzen, herzlichst für ihre Unterstützung bedanken, die einigen Menschen Essen spendeten. Sie sind ein Beispiel für Solidarität, von denen viele sich eine Scheibe abschneiden könnten.
Grüße aus dem frühen 13. Jahrhundert