USA: Der Kampf der Sioux von Standing Rock gegen die Öl-Lobbyisten


Bild: Flickr.com/Leslie Peterson CC BY-NC 2.0

Ein epischer Kampf, nicht mit Pfeil und Bogen, Tomahawk oder rauchenden Colts, sondern mit friedlichem Protest – zumindest seitens des Sioux-Stammes – gegen die Gier der Öl-Lobbyisten der Dakota Access Pipeline und des Energy Transfer Partners, erhitzt derzeit die Gemüter in den USA. Jetzt scheint der Sieg der First Nations nahe und alternative Routen für die Pipeline werden gesucht. Doch hat der Kampf damit ein Ende?
Von Rui Filipe Gutschmidt
Es ist ein Szenario wie bei einem Hollywoodstreifen. Die umweltbewussten Sioux-Indianer des Standing Rock-Reservates kämpfen gegen Behörden, korrupte Beamte und milliardenschwere Ölkonzerne, die eine Pipeline durch ihr Gebiet bauen wollen und dabei keine Rücksicht auf heilige Stätten, das Wasser oder die Umwelt generell nehmen. Doch eines nach dem anderem. Worum geht es hier?
Die Dakota Access Pipeline (DAPL) soll über 1800 Kilometer zwischen dem südlichem Illinois und den Bakken- und Three Forks Fracking-Ölfeldern in North Dakota überbrücken. Laut der Energy Transfer Partners (ETP), kann die Pipeline täglich 470.000 bis 570.000 Barrel Öl transportieren. Dabei würden anscheinend 8.000 bis 12.000 Arbeitsplätze geschaffen. Doch ist das immer so eine Sache mit diesen Arbeitsplätzen. Erstens sind es immer viel weniger wie versprochen und zweitens sind es vorübergehende Arbeiten, die meist von Montageteams aus aller Welt ausgeführt werden. Nach dem Bau der Pipeline gibt es eher weniger Jobs, da Umweltschäden zu erwarten sind und die Landwirtschaft darunter leiden wird. Nur die Tatsache, dass etwas in der Nähe produziert wird, macht es schon schwierig einen guten Preis zu bekommen.
Hier treffen also wieder einmal Profitgier und die Interessen des kleinen Mannes aufeinander. Nur das in diesem Fall die Sioux, wie die meisten Stämme der „First Nations”, gut organisiert sind und schon oft für ihre Rechte kämpfen mussten. Bis Juli diesen Jahres war es ein Kampf vor Gerichten und in den Korridoren der Macht, wo die milliardenschwere Lobby der fossilen Energieträger ein Heimspiel hatte. Für die Studie über die Auswirkungen auf Umwelt und archäologische Stätten, beziehungsweise auf das kulturelle Erbe, ist die United States Army Corps of Engineers, das Ingenieurskorps der US-Armee, zuständig. Diese haben alle Reklamationen, alle Bedenken des „Tribal Historic Preservation Office“ (THPO), die eine umfassende archäologische Untersuchung angefordert hatte, ignoriert und gaben grünes Licht für den Bau der Pipeline.
Auch einstweilige Verfügungen wurden abgelehnt und während die Bürokraten noch stritten, begann die DAPL ganz einfach mit den Arbeiten. Damit – wir kennen das auch aus Stuttgart und von vielen anderen Standorten – sollen Fakten geschaffen werden. Die Arbeiten wurden auch nicht gestoppt, als das Bundesministerium für Justiz, Armee und Inneres, jegliche Zusagen auf Eis legte und nach erneuten Untersuchungen eine Rücknahme der Genehmigungen in Aussicht stellte. Daraufhin bekamen die Demonstranten von Standing Rock immer mehr Zulauf. Aus ganz Amerika kamen Menschen, Umweltaktivisten oder Leute die vom gerechtem Kampf des Indianer-Stammes berührt, kurzer Hand beschlossen, sich für deren Sache zu engagieren. Sie errichteten eine Zeltstadt mit Küchendienst und Feldlazarett, wobei die Hilfe der Veteranen der US-Armee besonders wichtig war.
Ja, ausgerechnet die, die dereinst in Diensten der Raffgier der US-Öllobby im Irak, in Kuweit oder, im angeblichem Kampf gegen den Terror oder den Kommunismus standen und in ungerechten und meist ungerechtfertigten Kriegen kämpften, stellen sich jetzt in den Dienst einer wahrlich gerechten Sache. Sie haben gelernt, dass man ihren Patriotismus oder einfach nur ihre Not auf Grund der hohen Jugendarbeitslosigkeit, missbraucht hat, um für die US-Konzerne ihr Leben zu riskieren und jede Menge Blut zu vergießen. Die unrühmliche Rolle des Ingenieurskorps der US-Armee wird die Veteranen dabei besonders geärgert haben. Bei einem ständigem hin und her hinter den Kulissen, spielten sich vor laufenden Kameras Szenen der Gewalt ab. Sie zeigen privates Wachpersonal – besser gesagt, bezahlte Schläger – die immer brutaler gegen die Demonstranten vorgehen. 
Auch die Polizei, Truppen des USACE und die Arbeiter selbst (die um ihre Jobs fürchten, wenn sie nicht mitmachen) gehen gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Dabei kommen neben den üblichen Schlagstöcken auch Gummigeschosse, Pfefferspray und Wasserwerfer zum Einsatz. So wurden auch Frauen und Kinder durch den massiven Einsatz von Pfefferspray verletzt, der Wasserwerfer wurde bei eisigen Temperaturen eingesetzt und mindestens 6 Menschen wurden bislang von Hunden gebissen. All das um „Heilige Stätten“ zu schützen? NEIN! Es geht dabei um viel mehr. Man sollte eher fragen, ob den Ureinwohnern – den „First Nations“ – nicht schon genug Land gestohlen wurde! Millionen Indianer wurden ermordet und die Überlebenden in Reservate geschickt. Man mag ja argumentieren, dass Krieg in jenen Zeiten normal war. Dem Sieger die Beute, das Gesetz des Stärkeren und so weiter…
Doch inzwischen spielen sich die USA als Moralapostel auf. Wehe dem „bösen Diktator“ der sein eigenes Volk unterdrückt. Auch wenn wir alle genau wissen, dass dies nur ein Vorwand ist, um sich noch ein paar Ölquellen zu sichern oder geopolitisch, strategisch wichtige Gebiete zu kontrollieren. Hier ist es nicht viel anders. Es ist das Land der Sioux! Die Verträge, die mit den Völkern der „First Nations“ geschlossen wurden, müssen respektiert werden. Wo ist hier der Aufschrei der westlichen Presse? Wenn in China ganze Dörfer zwangsenteignet werden um einen Staudamm zu bauen, in Brasilien die Bewohner einer Favela hinter einem Zaun ausgesperrt und zum Bau des olympischen Dorfes Menschen aus ihren ärmlichen Hütten vertrieben werden, dann sind unsere Nachrichten voll davon. Aber hier? Wo ist der Bericht über die Menschenrechtsverstöße in den USA, gegen das eigene Volk? Aber vielleicht haben wir uns nur wieder eine „Fake News“ mehr ausgedacht…
Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Laut RT-Deutsch hat das USACE jetzt endgültig eine Kehrtwende gemacht und den bisherigen Verlauf der Pipeline die Genehmigung entzogen. So sollen laut einer Sprecherin des Ingenieurskorps also die "Nutzungsrechte für eine Verlegung der Dakota Access Pipeline unter dem Lake Oahe in North Dakota nicht erteilt werden". Doch damit ist der „Krieg“ gegen die Öllobby noch lange nicht gewonnen. Es ist noch nicht einmal ein wirklicher Sieg in dieser Schlacht, denn das Fracking in North Dakota geht weiter, die Pipeline wird – auch wenn über eine andere Route – gebaut und die Umwelt ist weiterhin gefährdet. Vor allem das Wasser des Missouri-Flusses, dessen Teil der Oahe-See ist, läuft nach wie vor große Gefahr verseucht zu werden. Also nur nicht übermütig werden. Der Kampf gegen die Profitgier geht weiter und jeder kleine Sieg sollte nur als Ansporn dienen, sich noch mehr für eine gerechtere, saubere und für Mensch und Tier lebenswertere Welt einzusetzen.