Alkoholismus: Wirtschaftsinteressen sind wichtiger als die Gesundheit

Ein Glas Portwein

Portugal ist für seine erstklassigen Weine wie den Portwein und dem Madeira bekannt. Auch der „Vinho Verde“, der grüne Wein, Tischweine, Bier und Spirituosen werden immer mehr exportiert. Kein Wunder also, dass Alkoholismus totgeschwiegen wird. Die Wirtschaft kann Meldungen über Todesfälle wegen Alkoholüberdosis nicht gebrauchen. 
Von Rui Filipe Gutschmidt
Ja der Portugiese trinkt gerne mal einen über den Durst. Da ist er nicht allein. Ganz Europa ist dem Alkohol verfallen und ein großer Teil der Welt mit. Wer jetzt aber meint, die muslimische Welt wäre davon ausgenommen, der irrt gewaltig. Nicht nur dass auch viele Muslime trinken, wie diese auch alternative Substanzen nutzen um sich zu berauschen. Tatsache ist: Seit Anbeginn der Zeit haben wir Menschen das Bedürfnis uns die Welt mit Rauschmitteln erträglicher zu machen. So lange sich der Konsum in Grenzen hält, kann ein Bier oder ein Glas Wein sogar gesund sein. Der Alkohol hilft sogar der Psyche dabei, zu große Traumata oder Stresssituationen zu verarbeiten.
In Portugal werden die Qualitäten des Alkohol immer wieder hervorgehoben und in vielen Regionen ist der Wein fast schon zur Religion geworden. Verständlich, wenn man weiß wie sehr die Einkommen im Douro-Tal oder auf der Setúbal-Halbinsel vom Weinbau abhängig sind. Doch wird leider nur zu wenig vor den Gefahren des Alkohols gewarnt. Sicher, es gibt ab und an Kampagnen wie „beba, mas com moderação“, die das Trinken in Maßen anrät, aber diese sind eher selten. Meist werden Präventionsprogramme von Polizei oder Gesundheitsbehörden organisiert und richten sich vorwiegend gegen den „Alkohol am Steuer“ oder den Konsum bei Minderjährigen.
Diesbezüglich wurde dieses Jahr ein Gesetz verabschiedet, welches den Verkauf von alkoholischen Getränken jeder Art an Minderjährige ganz verbietet. Bislang war der Konsum von Bier und Wein ab 16 gestattet. Das neue Gesetz gibt alle alkoholischen Getränke erst ab 18 frei. Die Reaktion der Produzenten war ein Proteststurm gegen die Regierung von Passos Coelho. Man argumentierte, das Verbote oft mehr schaden als nutzen und dass die Jugendlichen jetzt eher zu hochprozentigen Spirituosen greifen werden, da es keinen Unterschied mehr macht. Klar, dass in der Pubertät der Drang zum Rebellieren aufkommt, gegen Regeln zu verstoßen einfach cool ist und Verbote oft den gegenteiligen Effekt haben – aber der Alkoholismus hat ganz andere Ursachen.
Eine genetische Prädisposition macht einige Menschen anfälliger für Suchterkrankungen als andere. Auch wenn diese These umstritten ist, so gibt es diesen Hang in manchen Familien. Es ist aber ein Faktor von vielen, der nicht einmal sonderlich ins Gewicht fällt. Die Kultur und Tradition der Portugiesen beinhaltet nicht nur das Glas Wein zum Essen oder das Feierabendbier, es verharmlost auch den Bagaço (Schnaps) zum Espresso, das Besäufnis an Wochenenden und Festtagen, den Branntwein zur Beruhigung oder den Likör zur Verdauung. Bis in die 1980er Jahre bekamen die Grundschüler in den Bergregionen Maisbrot in Rotwein aufgeweicht zum Frühstück, damit ihnen in den unbeheizten Schulen nicht  kalt wird.
So wird der Alkohol oft als Medizin gesehen. Die Portugiesen haben auch die Krankheit Depression  mit Alkohol behandelt – ohne Erfolg aber dafür mit unerwünschten Nebenwirkungen. Durch die Krise und dem Absturz in Arbeitslosigkeit, Armut und Elend, wurden aus vielen Gelegenheitstrinkern schwer abhängige Alkoholiker. 2015 starben 44 an den Folgen einer Alkoholvergiftung. Doch viele mehr starben mit Leberschäden wie Hepatitis A, B oder C, Krebs und andere Schädigungen, bei denen der übertriebene Alkoholkonsum eine mehr oder weniger große Rolle spielte. Auch die Verkehrstoten, bei denen die Verursacher betrunken waren, muss man zu den Opfern des übermäßigen Alkoholmissbrauchs hinzuzählen. Dann gibt es da noch die Gewalttaten und Morde im Alkoholrausch, deren Opfer meistens Frauen sind.
Soll man den Alkohol also verbieten? Die Folgen dieser Droge sind eindeutig schlimmer als die von Cannabis und verursacht dem Gesundheitssystem wohl mehr Kosten wie dieser Wirtschaftszweig in die Sozialversicherungskassen einzahlt. Der Wein, das Bier, Spirituosen und so weiter sind aber nun mal ein Teil unserer Kultur. Die Mentalität muss sich nur etwas ändern, um die negativen Aspekte des Alkoholkonsums zu mindern. Es ist eine Frage der Erziehung, der Aufklärung und Information. Nur so kann das Maßhalten Teil der Mentalität dieses Volkes werden, die so viele gute Eigenschaften, wie auch Probleme haben. Doch wusste schon Hippokrates: „Die Dosis macht das Gift.“