Euthanasie – Portugals Gesellschaft diskutiert gesetzliche Regelung

Euthanasia - Flickr.com CC BY-SA 2.0



Die portugiesische Gesellschaft ist teilweise noch recht konservativ-katholisch. In den Städten aber leben eher liberal laizistische Menschen, die unabhängig von ihrem Glauben, für den „guten Tod“ sind. Die Polemik geht aber über Glaubens- und Parteigrenzen hinweg. Dabei hat das Thema auch eine wirtschaftliche Seite. Am Ende geht es darum, ob wir selbst über unseren Todeszeitpunkt bestimmen dürfen.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Portugals Gesellschaft hat ein neues Streitthema gefunden. Als gäbe es derzeit nicht wichtigeres für die Menschen, die endlich ihre Leben wieder haben wollen, nachdem diese ihnen von Bankstern und kollaborierenden Politikern geraubt wurden. Auf der anderen Seite haben betroffene ein Recht darauf, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Manche wollen ihr Leben nicht wieder haben, sondern wollen es endlich beenden. Doch was ist Euthanasie? Wer oder was hat die Debatte ins Rollen gebracht? Worum geht es wirklich?

Euthanasie bedeutet so viel wie „der schöne Tod“ und bezeichnet im aktuellen Sprachgebrauch, das Herbeiführen des Todes auf eigenen Wunsch. Ein Arzt oder eine Vertrauensperson verabreicht meistens einen tödlichen Cocktail, welcher den Sterbenden friedlich einschlafen lässt – für immer. Doch vor dem Gesetz gilt dies als Mord. Auch Selbstmord – so dumm es klingen mag – ist ebenfalls verboten. So ist auch die passive Euthanasie, eine Art unterstützter Selbstmord, nicht gestattet.

In Portugal hat die Zivilgesellschaft dieses Thema aufgegriffen. In dem katholischen Land gibt es manche, die das Leben für heilig halten und die auf einer sehr emotionalen Ebene diskutieren. Auf der anderen Seite gibt es ebenso emotionale Reaktionen bei denen, diejenigen die für die ultimative Freiheit sind, über das eigene Leben oder Sterben zu entscheiden. Denn am Ende ist das ganze Thema nur eine Frage der individuellen Freiheit versus moralischer und religiöser Überzeugung. Aber ist es wirklich so einfach?

Nein, denn nichts in unserer Welt ist einfach. Es gibt jede Menge Aspekte, die in die Argumentation mit einfließen. Ein Aspekt ist, so unglaublich es auch scheint, der finanzielle. In Portugal, wie auch in vielen anderen Ländern, gibt es eine deutliche Trennung zwischen privatem und öffentlichem Gesundheitssystem. Private Kliniken und Alters- oder Pflegeheime haben ein Interesse an einem langen Leben und somit Aufenthalt in ihrer Obhut, da dies den „Kunden“ auch länger zahlen lässt. Die privaten Versicherungen ihrerseits haben kein Interesse die oft recht kostspieligen Behandlungskosten auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Schon gar nicht, wenn es der Wunsch des Patienten ist, das Leiden endlich zu beenden. Dabei sind sie nicht die Einzigen.

Öffentliche Krankenhäuser sind nicht unglücklich, wenn sie Kosten sparen und Kassenpatienten ihr Leben endlich aushauchen. So sagte auch die Vorsitzende des Krankenpflegerverbandes, dass es bereits Fälle von aktiver Sterbehilfe gegeben habe. Sie hätte dies selbst erlebt, dass Ärzte der Bitte nachkamen, dem Patienten eine tödliche Injektion zu verabreichen. Sie sagte: „Es scheint. Als würden die Ärzte aus Mitgefühl heraus, nicht aus finanziellen Gründen, eine Überdosis Insulin verabreichen, um schwer leidenden, mit Schmerzen dahinvegetierenden Patienten, weitere Qualen zu ersparen.“

Doch diese Aussage musste sie relativieren. Sie hätte nur davon gehört und wüsste keine konkreten Fälle. Denn Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft nahmen diese Aussage ernst und starteten eine Untersuchung. Schließlich verstößt es nicht nur gegen das Gesetz, sondern ist rein technisch gesehen sogar Mord! Die Gesetzesvertreter können da nicht wegschauen, egal wie sie über das Thema denken. Gesetz ist Gesetz und daher auch der Wunsch bei den Befürwortern der Sterbehilfe, das Gesetz zu ändern.

Portugals Gesellschaft ist gespalten und die Gegner der Euthanasie argumentieren auch mit der Religion. „Was Gott gegeben, soll nur Gott wieder nehmen.“ Es ist wie bei der Abtreibung, eine Sünde ein Leben zu nehmen, selbst wenn es das eigene ist. Barmherzigkeit hat also weniger Gewicht wie das Recht über Leben und Tod zu entscheiden, welches nur Gott allein inne hat. In meinen Augen ist dieses Argument etwas zwiespältig. Was uns aber nicht wundern muss. Es ist gar nicht lange her, da durften Selbstmörder nicht in geweihter Erde ruhen. Wenn eine Gemeinde wusste, dass sich jemand selbst das Leben genommen hat, dann wurde er abseits des Friedhofs verscharrt.

Die Frage bei diesem Thema hat also viel mit religiösen Vorstellungen zu tun. Denn ob wir selbst oder ein höheres Wesen entscheiden, wie und vor allem wann wir sterben, hängt in vielem davon ab, ob wir an ein Leben nach dem Tod glauben und wie wir uns dieses vorstellen. Haben wir wirklich eine Seele und ist diese unsterblich oder kann auch die Seele sterben? Werden wir für unsere Taten in diesem Leben bestraft oder belohnt und wenn ja, welche Kriterien gelten dafür? Es ist also eine Glaubensfrage, da die Wissenschaft hier an ihre Grenzen stößt.

Bleibt noch das Tabu-Wort zu erwähnen. Egoismus! Die Angehörigen nennen den Sterbenden oft einen Egoisten, der nicht daran denkt, wie sehr er/sie denen fehlen wird, den sie/er zurücklassen. Doch das Argument gilt auch umgekehrt. Wenn Angehörige nicht loslassen können und sich deshalb gegen eine aktive oder passive Sterbehilfe aussprechen. Nicht selten hängt das „nicht loslassen wollen“ mit dem nicht auf die Rente der sterbenden Person verzichten zu wollen, zusammen.


Es wird also klar, dass Euthanasie ein kompliziertes Thema ist, auf das es keine einfache Antwort geben kann. Am Ende wird eine Ethikkommission entscheiden, ob und wenn, dann zu welchen Bedingungen, ein mündiger Bürger selbst entscheiden darf, wie und wann er/sie aus dem Leben scheiden darf. Für mich ist es eine Frage der Entscheidungsfreiheit des Individuums. Doch auch andere Meinungen haben ihre Berechtigung. Die Debatte ist jedenfalls eröffnet.