Verbrennungsmotor am Ende? Automobilindustrie verdient am Bann gegen Dieselfahrzeuge

Baumsterben im Schwarzwald - Flickr.com CC BY 2.0

11 Städte haben ein Verbot für Dieselfahrzeuge ab 2025 angekündigt. Jetzt schon gelten viele Fahrzeuge als „nicht stubenrein“, da sie vor 2015 gebaut wurden. Dadurch wird Umweltschutz missbraucht, um der Automobilindustrie Milliardengewinne zu verschaffen. Muss die Umstellung auf saubere Antriebsmittel auf Kosten der sozial schwachen gehen?

Von Rui Filipe Gutschmidt

Wer viel fahren muss, der hat sich ein Dieselfahrzeug zugelegt. Nicht nur, dass der Dieselkraftstoff günstiger ist, Dieselmotoren sind auch sparsamer. Mit der Einführung immer besserer Feinstaubfilter, Katalysatoren und mit der steigenden Effizienz wurde uns vorgegaukelt, dass wir uns mit einem Dieselfahrzeug ein zukunftsträchtiges, sparsames und schadstoffarmes Vehikel zulegen. Der höhere Anschaffungspreis wurde uns mit niedrigeren Kfz-Steuern erleichtert und, zumindest vor den Skandalen um geschönte Schadstoffmesswerte, hatten selbst besonders Umweltbewusste Autofahrer auch ein ungetrübtes Gewissen...

Doch jetzt kommt der Hammer! Die Luftqualität in Europas Großstädten ist so schlecht, dass viele ambitionierte Lokalpolitiker bereit sind, extreme Maßnahmen zu ergreifen. Doch mir scheint, dass auch die Automobilindustrie fleißig mitmischt, ohne dabei das uralte Bündnis mit der Erdöllobby brechen zu wollen. Denn Benziner werden weiter munter gebaut und selbst Dieselfahrzeuge werden, jetzt „noch reiner als rein“, angeboten. Mir scheint das ganze eine Abzocke ohne Ende in Sicht zu sein.


Was genau wurde beschlossen?

11 große Städte in Europa, dazu gehören London, Brüssel, Paris, Madrid und Athen, machen den Anfang und verbieten Dieselfahrzeuge ab 2025 völlig innerhalb ihrer Stadtgrenzen. Doch schon im Vorfeld dürfen Fahrzeuge die vor 2015 gebaut wurden, in vielen Städten und möglicherweise in ganzen Ländern, nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen. Panikmache? Vielleicht! Aber langfristig führt kein Weg daran vorbei, die Verbrennungsmotoren, von Schweröl bis Butangas, immer weiter durch moderne und vor allem saubere Antriebsmittel zu ersetzen.

In Deutschland haben die großen Automobilkonzerne (BMW, Opel, Audi, Mercedes, VW...) und die Regierung nach einer Notfallsitzung beschlossen, dass die Software von 5,3 Millionen PKWs geändert wird, um zwischen 25 und 30 Prozent weniger Abgase auszustoßen. Dieses Megaprojekt soll 500 Millionen Euro kosten. Kein Wunder also, dass ein Drittel der Deutschen Dieselfahrer ihre Autos tauschen, beziehungsweise nachrüsten wollen.

Ein Bombengeschäft! Millionen Menschen müssen ihr Auto nachrüsten oder sich gleich ein neues kaufen. Dabei trifft es die sozial schwächer gestellten am stärksten. Denn gerade Leute, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen, weite Strecken zur Arbeit pendeln oder ihr Fahrzeug beruflich nutzen, fahren einen Diesel. Kleine und mittelständische Betriebe, Handwerker oder Verkäufer sind also gezwungen, Geld zu investieren, was sie meist nicht haben.


Portugal und Europas Krisenländer besonders betroffen

In Portugals Medienlandschaft schlug diese Nachricht ein wie eine Bombe (obwohl es eher eine seit langem tickende Zeitbombe war). Jeder wusste, dass es kommt und keiner wollte es wahr haben. Das Schockierende aber, ist der Zeitrahmen und die Tatsache, dass Autos von 2014 (!) auch schon als „zu alt, zu schmutzig“ gelten. Denn das bedeutet, dass 1,4 Millionen Fahrzeuge bald nur noch in Portugal fahren dürfen.

Für die vielen kleinen Unternehmer in ihren extra zu Zweisitzern umgebauten „Comerciais“ - also Geschäftswagen – die alle mit Diesel fahren, eine Katastrophe. Wenn man hinzurechnet, was die „Finanzkrise“ und die Troika schon kaputt machten und wenn man sieht, wie die Waldbrände vielen die gerade aufkeimende Erholung wieder in Asche legten, dann kann man die Angst nachvollziehen, die sich angesichts dieser Perspektive bei vielen breit macht.

Was die Einführung von Wasserstofftechnologien und Brennstoffzellen, Elektroautos und andere alternative Antriebssysteme betrifft, gibt es seit langem ein Problem. Das uralte Bündnis zwischen Automobilindustrie und Erdöllobby. Macht schließlich Sinn, beginnt aber schon länger zu bröckeln. Unternehmen wie Tesla und andere innovative Projekte zwingen die alteingesessenen Unternehmen, neue Wege zu beschreiten. Dennoch baut man fleißig weiter Verbrennungsmotoren und tut alles, um zu beweisen, dass Umweltschutz „zu teuer“ sei.

Wenn wir jetzt aber immer noch nicht dazugelernt haben und wenn wir wieder ein Auto mit Verbrennungsmotor kaufen, weil „die Autonomie nicht ausreicht“, „die Karre zu lahm“ ist oder „der richtige Sound“ fehlt, dann werden wir in ein paar Jahren wieder „nachrüsten“ müssen. Schuld sind dann immer diese „Ökos“, die ja so übertreiben, während die Aktionäre gewisser Konzerne der Automobilbranche und der Ölkonzerne Milliarden einsacken.


Das Ziel ist es schließlich, die Energierevolution zu verlangsamen und auch weiterhin den gewohnten Geldfluss am Laufen zu halten. Dabei sollten wir aber nicht nur auf Klimawandel und Luftverschmutzung, der Verseuchung von Meeren, Flüssen und Regenwäldern und so weiter schauen, sondern uns auch bewusst machen, dass wir mit dem Treibstoff auch das Blut von Irakern, Jemeniten, Syrern oder Libyern in den Tank füllen. Eine Welt ohne Abhängigkeit von Öl und Gas mag ja noch lange keine Welt im Frieden sein, aber es wäre mit Sicherheit eine bessere Welt.