Der Wille zum Krieg, der Frieden und die Bestechlichkeit.

Soldatenfriedhof Normandie - Flickr.com CC BY-SA 2.0

Eine Reise die im Denken der Aufklärung anfing, in der Realität stattgefunden hat und mit Träumen und Idealen eines jungen Mannes während einer Zugreise in Deutschland mit Fragen und Hoffnungen vom Anfang der neunziger Jahre nach Antworten sucht, die uns alle in die Gegenwart wirft, ist nichts surreales sondern Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit der wir jeden Tag zu Hause begegnen. Sie bestimmt unsere Reise von der Geburt an. Die Fragen fingen in einem Zugabteil an und die Antworten gehen ins unerschlossene „Ich“ unserer eigenen Bestechlichkeit.

Von Noel Nascimento

Am Anfang der neunziger Jahre steckte ein Zustand der möglichen Erneuerung viele Menschen in der ganzen Welt an, die sich von den jüngsten Veränderungen überrascht und mitgenommen fühlten, wie auch bei den verblüffenden Ereignissen in Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Vor allem in Deutschland aber waren die Hoffnungen vieler Menschen, der Deutschen und der Vielen die sich mit Deutschland verbunden fühlten, sehr groß. Diese Winde nahmen viele Menschen im optimistischen Rausch der Zukunftsveränderungen mit und ziemlich schnell waren sie wieder weg.



Es geschieht in der Gesellschaft nicht anders als in der Natur; nach starken Windböen kommt ein Gewitter und danach die Stille.  Aus der Spaltung hätte sich nicht nur eine Wiedervereinigung ergeben müssen aber eine Art „Selbstfindung“. Der Sturm, der dies heraufbeschwor, dämpfte nach einiger Zeit die Hitze der Gedanken ab und ließnur warmen Dampf vom Boden emporsteigen, der nach Staub von längst verwesten Dreck roch. Die Winde der Erneuerung schwebten zwei bis drei Jahre über Deutschland, Europa und die ganze Welt. Die Veränderungen in Deutschland waren nicht nur für Deutschland maßgebend, sondern für die ganze Welt. 



Wie müsste es sein, wenn die Tugenden die beide Seiten besaßen, blieben – soziale Sicherheiten, Arbeit und Rente ein Garant sein würden – und wenn Bewegungsfreiheit, freies Denken und bewusstes, verantwortungsvolles Handeln und Unternehmergeist sich miteinander verbinden könnten oder wenn eine Art Weltbewusstsein entstünde, das von Deutschland ausgehend als eine Art Respekt gegenüber kleineren, schwächeren, armen Entwicklungsländern und Völkern in eine neue Politik mit Fuß auf einem aufklärerischen Boden des kategorischen Imperativs zu erzeugen, möglich gewesen wären? Wäre es nicht an der Zeit gewesen, solche Ideale in die Wirklichkeit umzusetzen, ein friedliebendes Land der Welt vorzuzeigen und wirksam in dieser Richtung neu zu denken? Waren diese Hoffnungen leere Luftblasen junger Menschen denen sehr früh diese Gedanken begegnet waren und die sie nicht mehr los ließen? Waren sie im Kopf einiger Weniger und waren alle Anderen durch das ganze Geschehen verwirrt? Was war es denn, was dazu führte, dass diese Düfte im Wind so schnell auf dem Boden von alter Rechthaberei und Gier verdunsteten? Der Mensch selbst und seine innere Korruption, eine Art Bestechlichkeit des Geistes.



Kurz vor dem Entstehen der zerstörerischen Gegenwinde befand sich ein junger Mann der nur aus künstlerischen Idealen ein Drittel seines Lebens in Deutschland verbracht hatte, auf einer Besuchsreise in einer Zugabteilung Richtung Berlin. Der junge Mann hatte eine Dozentur in einer Kunsthochschule in Südamerika und besuchte oft seine Freunde in Deutschland. Dieser junge Mann war nämlich ich. 

Das Gespräch in der Zugabteilung entstand dadurch, dass einer der mitfahrenden Gästen über mein akzentfreies Deutsch staunte und mich mit mehreren Fragen überschüttete, die ich ungehindert beantwortete. Es ging um Kultur, kulturellen Austausch, Einfluss von Neuankömmlingen die es in gewissem Maße und Anzahl schon in Deutschland gab, und wie diese Menschen auf die deutsche Kultur und diese im umgekehrten Sinne auf sie einwirken könnten. Diese Entwicklungen hatte ich seit 1979 miterlebt. Meine positiven und optimistischen Antworten gingen in die Richtung, dass die deutsche Philosophie, die Künste, Wissenschaften, Literatur, nicht nur deutsch waren. Sie sind universell und so stark, dass sie in der Lage sein müssten vieles aufzusaugen, umzuwandeln und im gleichen Sinne wieder zu gestalten.

Die Kriegsgeschichten machten den Eindruck eines Stolperns über die eigenen Füße, was mit hohen Idealen nichts zu tun hatte. Sie waren ein Unfall der nicht nur durch eigenes Versagen, aber auch mit anderen früheren Ereignissen zu tun hatten. Sie hatten mit Beethoven, Goethe, Schiller, Kant und vielen anderen nichts Gemeinsames. Der Geist solcher Größen war es, der weltweit den Deutschen noch großen Respekt einbrachte. 



Keine große Kultur ist so stetig, dass sie aus Angst vor einem Zusammenbruch nichts aufnehmen kann und deswegen ihre Stabilität verliert. Ihre Errungenschaften werden so weit in die Welt hinausgetragen, dass viele Menschen in anderen Ländern sie willig für sich annehmen. Allmählich mussten sich auch Religionen mit diesem Geist entwickeln und eine geringere Rolle in der Gesellschaft ausüben. Der Einfluss auf Neuankömmlinge und auf andere Religionen hätte auch eine solch positive Wirkung einbringen können. Außerdem war es vollkommen klar, dass ein Land und dessen Volk, welches ein so großes Ausmaß an Leiden und Zerstörung durch Kriege erlebt hatten, sich niemals mehr einen Krieg – nicht mal eine geringe Mitbeteiligung daran – wünschen könnten. 

Es vergingen mehrere Jahre seit dieser Reise nach Berlin, Kohls und Genschers mündliche Versprechungen gegenüber Gorbatschow verblassten ins Leere und alsbald Russland sich von der katastrophalen Politik von Boris Jelzin erholte die sein Land dem rücksichtslosen Kapital freien Zugang gewährte, versagte die Annäherung an das neue kapitalistische Russland. Der Selbstmord von Gert Bastian und Petra Kelly machte noch zur Zeit Helmut Kohls den Weg für die Grünen "Realos" mit Joschka Fischer und seinen machtgierigen Freunden unter Kanzler Gerhard Schröder den Weg frei. Bald beteiligte sich Deutschland am Jugoslawienkrieg, halb Russland hungerte während russische und internationale Kapitalisten-Haie sich bereicherten. China wuchs allmählich zu einem der mächtigsten Länder der Welt heran, entwickelte sich nach außen hin kapitalistisch und fing an, mit dem Kauf von Aktien, von Industrien und Ländereien in der ganzen Welt, seine Macht zu festigten. Das Verteidigungsbündnis des Westens erweiterte sich und neue Blöcke wie die BRICS entstanden. 

Neuerdings erleben Menschen, dass durch Armut in der dritten Welt oder in Schwellenländern wie Brasilien, sozialistische, demokratisch gewählte Regierungen, von ihren korrupten Koalitionspartnern im Einverständnis mit den Liberalen, durch legale Putsche abgelöst werden und wie fast ganz Lateinamerika sich wieder im Kampf von Kommunismus gegen Kapitalismus aufspaltet. Das Geschrei von Nutznießern und Profiteuren beider Seiten, wird allmählich zum Eklat und zu gefährlichen Auseinandersetzungen, wie beim Beispiel von Venezuela, führen. Eine alte Welt expandiert. Alte Ideen und veraltete Verhaltensweisen der mächtigsten Länder verkapseln sich im Mantel der modernen Welt. Der Faschismus verkleidet sich als Mitte. 

Wirklichen liberalen Idealismus muss nicht nur mit Verdienst und Profit zu tun haben. Er muss zur Verantwortung, Nachhaltigkeit und Schutz der Natur verpflichtet sein. Der größte Widerspruch einer Handlung, sei es politisch oder nur individuell, ist es, wenn sie im Interesse weniger handelt, vom Interesse vieler spricht aber selbstzerstörerisch wirkt. Gutes Handeln heißt Gleichgewicht bewahren. Es heißt aber bei heutiger Begründung auch, man kann vom Weltgeschehen nicht fern und immun bleiben.   

In den letzten Jahren erlebten die deutschen die Silvesternacht 2015. Als normale Einreisende werden alle – auch ich – am Zoll befragt und durchsucht. So geschieht es in allen Ländern der Welt. Welche Fragen stellen sich bei solchem Widerspruch in der Politik eines Landes? Man kann schlechthin auf die Idee kommen, dass in Deutschland und Europa schon nicht genug willige Arbeitskräfte gibt. Auf meinen Kopf fallen keine Bomben, sicherlich. Es kann aber genauso bei mir wie bei jedem anderen eine Bombe hochgehen wenn ich am Hauptmarktplatz einer Großstadt Europas spazieren gehe. Die entlarvende Frage ist, wer wirft Bomben auf wen, zur Unterstützung wovon? Wenn Ursachen erkannt sind, sind wir dazu bereit die Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn die Korrekturen unangenehme Folgen mit sich ziehen, die in unserem Leben Veränderungen abverlangen? In wie fern sind wir durch unser Wohlergehen bestechlich, dass mit billigen Produkten die reiner Abfall der Rüstungsindustrie sind, oder mit erschwinglichen Lebensmitteln im Supermarkt, die es nur in so großen Mengen gibt, weil weltweit mit Glyphosat gesprüht wird oder weil die Urwälder im Amazonasgebiet zwecks Züchtung von Rindern für unser billiges Fleisch abgeholzt werden?

Wenn die militärischen Aufgaben in Afghanistan zu Ende gehen, sind wir dazu bereit auf manche Dopamine in unseren Medikamenten zu verzichten? Was ist aber denn los; was haben wir aber verpasst, wenn Kommunisten, Sozialisten und Neoliberale auf gleiche Art und Weise Ureinwohner verachten und deren Ländereien zum Bau von riesengroßen Staudämmen im Amazonasgebiet mit der Begründung vertreiben, eine "Nation für alle" zu bauen? Oder wenn, zwecks Bau von Fußballstadien, die Bewohner der Slums weggetrieben werden und wenn ärmere Menschen, die von sozialistischen Profiteuren geführt werden, sich nichts anderes als kapitalistischen Konsum wünschen? Sind wir im Gleichgewicht oder sind wir durch die Bestechlichkeit unseres Geistes schwach geworden?  

Es wäre vielleicht die Zeit gekommen, ganz bewusst andere Haltungen zu fordern wie man sie vor einigen Jahren aus Verwirrung verpasst hat. Es mag eine schöne und bewundernswerte Geste sein wenn jemand fünf Kinder aus Afrika adoptiert. Die Tatsache, dass sie sich da draußen mit einer Gesellschaft abfinden müssen in der der klügste von ihnen vielleicht einige Chancen mehr haben wird und alle fünf – aber vor allem die vier anderen – aus unzähligen Gründen große Schwierigkeiten haben werden wird sich dadurch nicht ändern. Bis mal die Revolte in sie fährt und sie mit vielen anderen sozial Benachteiligten den Hass und die Verachtung dieser Gesellschaft erwidern. Deshalb dort wirksam zu werden wo die Probleme ihre Ursachen haben ist daher nicht nur klug, sondern gleichzeitig eine alte Lehre der Wissenschaft.  

Das nimmt man nicht nur wahr wenn der Wille dazu da ist, die Erkrankung selbst zu verursachen an der man später genesen muss und für die die Medikamente erzeugt werden woran verdient wird. Dieser Mechanismus ist an und für sich von uns und für uns gedacht. Er läuft von selbst und läuft wie eine Maschine die den Piloten nur zur Landung und beim Abheben benötigt. Von Menschen die ihr unterworfen sind bedient er sich.  Doch ganz ohne uns geht es nicht und ohne Passagiere wäre dieser Mechanismus nicht gebräuchlich. Institutionen können nicht die Menschen bestimmen, sie können und sollen nur für die Individuen den Weg bereiten in dem sie sich frei bewegen und für sich selbst verantwortlich sein müssen. Wer nicht dazu fähig ist, ist nicht als minderwertig anzusehen, muss aber als schwache Seite unserer planetarischen Gesellschaft angesehen werden.


Es bleibt immerhin die Frage in den Raum gestellt, „wer wirklich schwach ist“ und die Antwort kann jeder beliebig im Spiegel sehen. Der Mensch bildet die Institutionen, nicht sie ihn. Diese sollen ihm dienen um seine großen Errungenschaften zu schützen und seinem Willen entgegen kommen. So bald sie sich als gefährlich für ihn als hauptverantwortliches Lebewesen auf der Erde erweisen, müssen sie entmachtet, geändert und mit vollem Bewusstsein und Verantwortung erneuert werden. Entweder entscheiden wir uns für Kriege und dessen Nutznießer oder für eine Revolutionen des Friedens. Um die Nutznießer dieser zu finden brauchen wir nur in den Spiegel zu schauen. Können wir diesem Gegner was entgegen setzen oder sind wir endgültig mit ihm im Frieden?