Drogenkrieg in Favela – Rio im Ausnahmezustand

Favela da Rocinha, Rio de Janeiro - Kriegsgebiet in der Olympiastadt Flickr.com CC BY 2.0


Rio de Janeiro, 23.09.2017 – Brasiliens Verteidigungsminister schickt 950 Soldaten zur Unterstützung der „Policia Militar“ ins Kampfgebiet und diese fackelten nicht lange. Mit äußerster Brutalität gehen sie gegen die Drogengangs vor. Ob das aber der richtige Weg ist? Gewalt erzeugt schließlich Gegengewalt.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Der brasilianische Verteidigungsminister erklärte, dass die Lage unter Kontrolle sei. Mit einem Aufgebot von 950 Soldaten marschierte – oder eher fiel – das Militär in der größten Favela Rio de Janeiros ein. Schießereien in der Rocinha
sind keine Seltenheit, aber die Drogendealer unterstehen einem strengen Verhaltenscodex und Verwalten „ihr Territorium“ als ob es sich um ein eigenes Land handeln würde. Doch „es darf nur einen geben“ der die Macht in Brasilien inne hat und wenn die „Untertanen“ ihre Abgaben nicht zahlen... Man vermutet schon lange, dass nur Gangs angegriffen werden, die der Politik und der militarisierten Polizei nicht ihren Anteil zahlen. Doch das ist Spekulation.

Dieses Terrorszenario wurde von einer Bewohnerin für Portugals TV-Sender RTP am Telefon beschrieben: „Es ist ein Horrorszenario! Ich wohne direkt an der Frontlinie. Meine Küche ist voller Einschusslöcher. Sie haben Leute gevierteilt, sie mit Buschmessern zerstückelt, Körper verbrannt...“ sagte die Augenzeugin, die aus verständlichen Gründen anonym bleiben möchte. „Wir erleben hier den Kriegszustand. Ich fühle mich wie in Afghanistan, dem Irak, wie im Gazastreifen, was weiß ich...“

Die Regierung Temer ist vom Stil her dem „Recht und Ordnung“ Gedanken der Republikaner in den USA ideologisch nahestehend und für die Ultrakonservativen gibt es nur eine Lösung im Umgang mit der Bandenkriminalität in Brasiliens Favelas: „Mit aller Härte durchgreifen!“ Das heißt aber auch, erst schießen, dann fragen. Dabei ist es den Militärs egal, ob sie Kinder töten, unbeteiligte Bewohner das Haus einreißen oder die dicht besiedelten Favelas in ein Kriegsgebiet verwandeln.

Ja ganz im Gegenteil, zu dem was in Europa geschieht, wird ein totes Kind sogar als Ansporn für weitere Härte gesehen. „Die Zivilbevölkerung wird als Geisel genommen, dient den Dealern als menschliches Schutzschild“, ist dann zu hören. Gibt es denn keinen anderen Weg? In Brasilien sitzen die Bosse in Sicherheit und dulden das Geschehen, da es so aussieht als würde man tatsächlich etwas gegen den Drogenhandel tun. Doch wie in den USA ist dies mitnichten der Fall. Der Drogenkrieg ist nur ein Weg viel Geld zu verdienen, da es die Preise hoch hält und bestenfalls ein paar Junkies das Leben kostet. Das Strafsystem ist noch dazu so brutal, dass der „Traficante“ lieber kämpfend untergeht als sich schnappen zu lassen. Ein Menschenleben ist in Brasilien wertlos.


Staatliche Abgabe von Drogen an Süchtige und Rehabilitationsprogramme wie in Europa sind – nach US-Vorbild – Fehlanzeige. Länder wie Portugal, die ein ähnlich grosses Drogenproblem hatten, könnten als Beispiel dienen, wie es auch anders geht. Es löst das Problem nicht völlig, aber die Kriminalität geht um bis zu 2/3 zurück. Aber das interessiert die Hintermänner dieses lukrativen Geschäfts leider nicht. Solange Michel Temer nicht selbst hinter Gittern sitzt, wird sich wohl auch nichts daran ändern. Ein Umdenken ist weltweit angesagt, um diesen Wahnsinn zu stoppen.