Flohmärkte in Portugal – Wenn die Not zu groß wird

Flohmarkt 1 - Bild: R.F. Gutscmidt ©


Portugals Wirtschaft wächst wieder, Kaufkraft wird allmählich wiederhergestellt und es geht langsam Bergauf. Aber viele Menschen haben in der Krise alles verloren und kommen nur schwer über die Runden. Manchen hilft dabei der Verkauf von allen möglichen Dingen auf den Flohmärkten des Landes. Andere nutzen diese Not eiskalt aus.


Von Rui Filipe Gutschmidt – Re-Post aus aktuellem Anlass


Seitdem die Krise Portugal im Würgegriff hatte, machen viele Menschen in dem Land, alles zu Geld, was sie nur irgendwie über die Runden bringt. Second-Hand-Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Flohmärkte füllen sich und neue Märkte entstehen, wo es vorher diese Tradition noch nicht gab. Ganz zu schweigen, von den unzähligen Läden, die „Edelmetal-Recycling“ anbieten, wo kurz zuvor noch kleine Boutiquen oder Cafés schließen mussten. Inzwischen haben die meisten dieser Läden auch wieder dicht gemacht, da Portugals Mittelschicht das Familiengold und Silber bereits verscherbelt hat. Was kommt als nächstes? Kunst und Antiquitäten...

Flohmarkt 2 - Bild: R.F. Gutscmidt ©


Es ist ein sonniger Morgen, an diesem Sonntag und, wie an jedem ersten Sonntag in Monat, findet in Santa Maria da Feira die „Feira das velharias“, der „Markt der alten Sachen“, statt. Man hatte mir zwar gesagt, dass ich am besten früh kommen sollte, aber was ist schon „früh“ in Portugal? Tja, die ersten haben schon zwischen 6:00 und 6:30 Uhr ihren Verkaufsstand aufgebaut. Ich kam erst gegen 8:00 Uhr dazu und war dadurch einer der letzten. Dabei hatte ich noch Glück, da ausnahmsweise keine Gebühr genommen wurde.
Normalerweise verlangt die Stadt Feira € 1,00 / m³, was ja nicht gerade viel ist. Andererseits, hätte ich erst nach drei Stunden meine drei Quadratmeter wieder drin gehabt.



Man muss aber schon Geduld mitbringen, um hier zu Verkaufen. Der Verkäufer hat einen schlechten Stand, in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen wenig Geld hat und die, die Geld haben, sich oft zu fein sind für gebrauchte Sachen. Wie gesagt, nicht leicht, wenn man Verkäufer ist. Es war mir ja auch bewusst, dass es nicht leicht sein würde, aber es war noch schwerer, als ursprünglich gedacht. Oft musste ich „NEIN“ sagen zu Leuten, die nur lachhafte Preise zahlen wollten und meinten, die Not ihrer Zeitgenossen ausnutzen zu müssen. Nicht, dass ich kein Verständnis für die Regeln des Marktes hätte, doch es gibt Grenzen für alles. Gerade weil, manche Menschen aus blanker Not ihre Habseligkeiten verkaufen müssen, sollte man solidarisch sein und sogar etwas mehr bezahlen, statt zu versuchen den Leuten die Dinge so billig wie möglich abzujagen. Ich hab es ja gelassen genommen, als wieder einer dachte, er könnte etwas fast umsonst bekommen, doch der Verkäufer vom Nachbarstand war sichtlich genervt. Schließlich hatte sich der Schlaumeier vorher schon bei ihm eine Abfuhr geholt. „Einen Euro? Der spinnt doch! In wie vielen Raten will er den das abstottern? Vielleicht möchte der Herr es noch in Geschenkpapier eingewickelt und nach Hause geliefert...? Ist doch zum kotzen!“ Wie gesagt, gar nicht leicht.

Zwischen all dem Müll, d. h. Elektroschrott, Haushaltswaren und wertlosen Staubfängern, kann man das Eine oder Andere Kleinod finden. Antiquitäten, Kunstwerke, Sammelobjekte und wirklich wertvolle Schätze, finden sich zwischen Töpfen, Modeartikeln oder Unterhaltungselektronik. Viele saßen Jahrelang auf alten Familienschätzen, ohne auch nur im geringsten zu ahnen, was das „alte Zeug“ ihrer Großeltern wert ist. Langsam aber, wächst das Bewusstsein für die Kunst und für den Wert der geschichtlichen Fundstücke. Die reiche Geschichte des Landes, ihrer legendären Vorfahren, dem Mut der Entdecker und der Ritter während der Reconquista, war schon immer der ganze Stolz der Portugiesen, aber die Verbindung mit dem materiellen Zeugen dieser Geschichte, war seit eh und je etwas, was sich nur einer gebildeten Oberschicht erschloss. Inzwischen hat sich das geändert. Denn es ist nicht zuletzt ein Verdienst der Nelkenrevolution und der Demokratisierung, dass sich das inzwischen geändert hat.

Nicht zuletzt ist eine bessere Bildung der jüngeren Generationen, mehr Kontakte mit dem Ausland und TV-Programme auf „Odisseia“, „Discovery“ oder „Historia“, die dazu beitragen, dass immer mehr Leute die Schuppen und Dachböden der Häuser ihrer Großeltern durchforsten, nach kleinen oder großen Schätzen. Natürlich sorgen diese Schatzsucher dafür, dass es ein gewisses Überangebot an Antiquitäten gibt. Es bedeutet aber nicht, dass die Preise dadurch sonderlich inflationieren würden. Der Antiquitäten- und Kunstmarkt ist eine Welt für sich. Unabhängig von Angebot und Nachfrage, ist der Preis von Sammlerstücken und Kunstobjekten eher eine Frage des Gefühls. Was ein Sammler zu zahlen bereit ist, steht dem Gespür des Verkäufers gegenüber, der erraten muss, wie weit er gehen kann. Das Limit des Käufers in einem Gespräch heraus zu kitzeln. Die Gestik und Körpersprache oder einfach nur den Blick eines Interessierten zu analysieren und an Kleidung und anderen Äußerlichkeiten, den Umfang des Kontos oder der Brieftasche zu erahnen ist da schon schwerer. Zweifellos eine Herausforderung, die Psyche des Sammlers zu ergründen und es wäre sicher ein interessantes Spiel, wenn nicht allzu oft Existenten auf dem Spiel stünden. Das Spiel des Lebens? Nein. Das Spiel des Überlebens.

Wie dem auch sei. Wenn man ein gutes Geschäft machen möchte, auf der Suche nach einem Schnäppchen ist oder einfach nur schöne Dinge möchte und den Portugiesen ganz persönlich helfen möchte, dann kann man in Portugal durchaus fündig werden. Seit 1810 hat das Land keinen Krieg mehr gesehen. Mit Ausnahme kleinerer Barrikadenkämpfe bei den liberalen Revolutionen und der Abschaffung der Monarchie 1910, war nach Napoleons Franzosen unter Massena, kein Invasionsheer mehr in Portugal. Daher sind die Kunstschätze des Landes relativ unberührt geblieben. Es gibt Altäre und Kirchenverzierungen aus purem Gold. Das Gold Brasiliens, was im 18. Jahrhundert tonnenweise ins Land kam. Überhaupt, haben die „Entdecker der Welt“ Kunstschätze aus allen vier Himmelsrichtungen zusammen getragen. Kein Wunder also, dass die Nachfahren der Seefahrer noch so viel davon haben.

Flohmarkt 4 - Bild: R.F. Gutscmidt ©



Einiges steht davon derzeit zum Verkauf und so manch einer ist froh, wenn Opas alter Schreibtisch oder Omas Heiligenfiguren, für einen weiteren Monat Strom, Wasser, Telekommunikationsrechnungen und Gas zu bezahlen hilft. Ich persönlich, habe € 9,90 eingenommen, was wohl kaum den Aufwand gerechtfertigt hat. Andererseits, habe ich einen recht angenehmen Tag mit interessanten Leuten verbracht, Kontakte geknüpft und viel gesehen. 

Flohmarkt 5 - Bild: R.F. Gutscmidt ©