Russland - Dreihundert Jahre Einsamkeit

Moskau, Russland - Pixabay.com CC 0
Es sind hundert Jahre seit der Oktober Revolution vergangen. Russland ging jetzt daran vorbei. Marxismus, Kommunismus, der Krieg zwischen Bolschewiki und Menschewiki, Lenin, Stalin, ist aber Russland „nur“ das?

Von Noel Nascimento

Ein unvergessliches Bild. Stalingrad. Russische Soldaten versuchen einen Abhang am Flussufer zu stürmen. Sie werden von der deutschen Abwehr mit Flammenwerfern entzündet und mit dem ganzen Körper in Flammen klettern sie weiter bis einige von ihnen die Spitze des kleinen Hügels erreichen um einige Schüsse abzugeben bevor sie brennend tot umfallen. Am Schluss, die deutsche Katastrophe für sechshundert tausend Soldaten, die den befehlen eines unweigerlichen General Paulus, der dem Befehl eines anderen Wahnsinnigen folgte, der da lautete: „...bis zum letzten Man kämpfen!“ Dreiviertel der Bewohner einer Stadt starben, insgesamt fast eine Million Menschen auf beiden Seiten zusammen.

Das waren die bösen Russen, ein Volk dass sich nicht ergeben hat, fortan, der Schrecken und die größte Gefahr für die Menschheit! Diejenigen Menschen die schon kurz nach entstandenem Reich mit Peter dem Großen die Invasion der Tataren erlitten, schon fast am Anfang davon bedroht waren, etwas anderes zu werden als die Menschen die dort lebten wollten. Später, kam der von der republikanischen Idee besessenen Napoleon Bonaparte. 1812 erreichte er Moskau. Die russische Führung ließ die eigene Hauptstadt niederbrennen und dann kam der rettende, gnadenlose russische Winter. 130 Jahre später, Hitler.

Nimmt man die Oktoberrevolution... und was war da los? Ein Kaiserreich das über alles andere spottete. Ein hungerndes Volk. Ein Land von einer kleinen elitären Bourgeoisie die sich den Spott der adligen anschloss, eine Masse von verarmten Landwirten die den Großteil der Bevölkerung ausmachte, und einen geringeren, aber nicht unbeträchtlichen Anteil an armen Fabrikarbeitern und Angestellten einer noch prekären Industrialisierung. Davor, trotz aller Armut, zwei unpopuläre verlorene Kriege gegen Japan und gegen Deutschland. Einen von der überwiegenden Mehrheit der Menschen gehassten Kaiser.

Lenin war ein Mann seiner Zeit, seiner Gegenwart und der geistigen politischen Situation in der er sich befand. Der Marxismus war im Kopf der Intellektuellen der ganzen Welt als Fragezeichen, einige dafür, andere äußerst kritisch. Den fast zwei Jahre langen darauf folgenden blutigen Krieg nach dem Sturz und nach der Erschießung des Zaren und seiner Familie, gewann er gegen die Menschewiki, die Republikaner. Die Ausdehnung der UdSSR war im Prinzip seine Idee, der Handlanger ohne den sie erreicht worden wäre, war Kerenski.

Kerenski, der auch eines gewaltsamen Todes starb, wäre die Idee eines Sowjetischen Paradieses zu verdanken, dass seine eigenen Verbrechen zu rechtfertigen suchte und Stalin den Weg ebnete. Ihm verdankte Lenin auch seine spätere aber kurze Macht, von der sich Stalin bald bediente. Nachdem verfassten Stalin und Bucharin 1924 ein Schreiben, durch das sie die Sozialistische Internationale zum bloßen Werkzeug der Macht degradierten, um damit den bürokratischen Staat zu bekräftigen der sich fortan bildete, womit sich der Verrat an Lenin und Leo Trotsky vollzog die der Oktoberrevolution eine Bedeutung durch die Vereinigung aller Arbeiter der Welt und nicht durch deren Ausnutzung zwecks Machtbefugnisse verlieh.

Es bleibt offen - und möglicherweise in den Traumvorstellungen vieler Menschen weltweit - die Frage danach, wie sich die Sowjetunion ohne Stalin entwickelt hätte und ob sie ein anderes Schicksal erleben dürfte als durch den Weg der heute von internationalem Kapitalismus verspottet und dessen endgültiger Niedergang gefeiert wird. Wer beschäftigt sich heute noch mit dialektischen Materialismus?

Den Marxismus in einem armen und großen Land zu etablieren konnte auch nur wieder auf Kosten anderer geschehen, dessen Ideen sich mit dem Spruch von Marx begründen ließ, dass „die Gewalt die Hebamme der Menschheit ist“. Eine Erkenntnis die offensichtlich nicht nur von Marxisten für Wahrhaftig genommen wird. Marx behauptete, dass der Kommunismus gut in einem reichen Land siegen könnte, wobei er in der damaligen Zeit an Deutschland oder England dachte. In Russland geschah es dann auf Kosten einiger Bauern, die nicht viel besaßen und zu Millionen ihr Leben und Besitz zugunsten der Kolchosen lassen mussten.

Wer sind aber die Russen, dieses Volk das sich nicht ergibt, mit flammenden Körper noch so weit laufen bis sie einige Schüsse auf einen ursprünglich besser vorbereiteten Feind abgeben und die heute noch so viele ausgerechnet deswegen hassen oder ihnen insgeheim Rache schwören? Sie sind ein Volk, für das immerhin das Wort Bolshoi wie „der Dom“ klingt und Tschaikowsky ein Volksmonument wie kein anderes ist. Sie sind das Volk in dessen Hauptstadt in der U-Bahn sogar Bilder von Picasso ausgestellt waren.

Ach, Dostoiévski. So einer, mit seinen von Shakespeare beeinflussten Tragödien. Der Mann der wegen Spielschulden im Knast landete und fünf Minuten vor der Enthauptung von Gesandten des Zaren mit dessen Begnadigung gerettet wurde. Der konnte im Knast nur die Bibel lesen, und denken. So ein armes Schwein, dass trotz allem noch an irgendwas glaubte! Was könnte man von diesem merkwürdigen Anarchisten sagen, der Anna Karenina schrieb, ein gewisser Leo Tolstoy?

An den wenigen Aufnahmen der Ballet Tänzerin Anna Pavlova ist die Grazie der Bewegungen einer Person die furchtbare körperliche Anstrengungen in einer unvergleichlichen geschmeidigen Kunst zu verwandeln in der Lage war. An russischen klassischen Pianisten, ist die Verkrampfung der Muskeln als Technik bezeichnend, mal hart und geknallt, oft unnatürlich, verspannt. Die Lockerheit fehlt wie bei den Tänzern, typisch an der Musik des größten Komponisten, dessen Homosexualität von den Russen als Schande empfunden wird, eine Musik die weint. Weichheit ist Schwäche, die es meist zu vermeiden gilt. Wie kann man aber anders sein als verkrampft und dadurch körperliches Leiden erstmals überwinden bis sie ausgemerzt sind!

So viele Kriege und Invasionen, Kämpfe, Tyrannen. Doch den Russen geschieht es nicht, dass sie aus selbst zugefügten Komplexen ihre großen wie Bach oder Beethoven zugunsten von manchen schlechten amerikanischen oder englischen ärmlichen Schlagern oder Rockgruppen mit dem Vorwurf des Elitismus verachten oder verspotten, die eigenen großen! Ja, die waren aber noch Christen, Universalisten und Humanisten und das Gejammer und Gequietsche von diesen Geigern und komischen Sängern, das ist doch heute unerträglich! Man muss sich austoben, schreien, nach innen kann man sich selbst nicht mehr ertragen! Na klar, gibt es so was in Russland auch. Wo gibt es denn nur Genies?

Mit unendlichen kulturellen Leistungen kann man Russland und auch die Sowjetunion verknüpfen und unter Toten und Helden, ist sie dem Westen und seinem internationalem Kapitalismus nicht unterlegen.


Na ja, irgendwann erteilt man diesen Scheiß Russen eine endgültige Lektion..., oder?