Erdoğan marschiert mit Bodentruppen gegen Kurden in Nordsyrien

Türkische Panzer auf dem Weg nach Afrin - ScreenShot YouTube
Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Nachdem die kurdischen Kämpfer der YPG an vorderster Front gegen ISIS und andere Djihadisten gekämpft haben und mit dem Blut ihrer Männer und Frauen für die Freiheit und das Leben Hunderttausende Syrer – unter ihnen auch Iasidi und Christen – einstanden, bekommt dieses Volk wiedereinmal die Anfeindungen der Türkei zu spüren.

Von Rui Filipe Gutschmidt 22. Januar 2018

Die türkische Luftwaffe bombardiert schon seit langem kurdische Stellungen und die westlichen Verbündeten sehen tatenlos zu. Dadurch hat Erdoğan das Gefühl, sich alles erlauben zu können. Doch die USA hatten Ankara davor gewarnt einen Militärschlag gegen die YPG zu unternehmen. Aber „Erdowahn“, wie der türkische Präsident von vielen seiner Kritiker genannt wird, hat seine ganz eigene Agenda. Während er innenpolitisch alle zentralen Machtpositionen mit seinen Vertrauten besetzt und jegliche Kritiker aus dem Weg räumt, vereint er Militärs und Nationalisten – oder Patrioten, wie sie sich selbst nennen – hinter sich, indem er einen äußeren Feind präsentiert. Eine uralte, doch immer wieder wirksame Taktik totalitärer Regime und sogenannter Scheindemokratien.

So marschierten türkische Bodentruppen gemeinsam mit syrischen Rebellen (meist turkmenischer Herkunft) in die von der YPG kontrollierten Gebiete ein. Noch vor ein paar Wochen feierten diese Rebellen und die Kurden der YPG-Miliz gemeinsam den Sieg über den Daesh und jetzt fällt Ankara dem ehemaligen Verbündeten in den Rücken. Die Stadt Afrin ist das erste Ziel der Türken, die schon vor Tagen mit der Beschießung der Stadt begonnen hatten. Gestern Nacht schossen die YPG-Milizen 4 Raketen auf türkisches Gebiet und trafen damit ein paar Häuser und verletzten einige Menschen in der Grenzregion.


Doch dies war nur ein symbolischer Gegenschlag. Denn unterdessen plant der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan bereits den Angriff auf eine zweite Stadt - Manbidsch. „Die steigende Bedrohung durch die Terroristen der PKK und ihrer Verbündeten (YPG)“, ist laut türkischen Verteidigungsministers Nurettin Canikli der Grund für den Militärschlag gegen die Kurden.

Die USA sieht diese Offensive aber gar nicht gerne, da sie den Kurden der YPG und der DKS (Freie Kräfte Syriens) eine Schutzzone in Nordsyrien versprochen hatte. Eine 30.000 Mann starke Truppe soll die Rückkehr der Islamisten und einen Einmarsch der Syrischen Regierung gleichermaßen verhindern. Auch Erdoğan – schon lange scharf auf den Norden Syriens und des Irak – sollte von unüberlegten Handlungen gegen die Kurden abgehalten werden. Die Kurden ihrerseits sollten sich nicht zu einem Angriff auf die Türkei hinreißen lassen und sich auf die „Pufferzone“ beschränken.

Auch Vladimir Putin, dessen Luftwaffe das Grenzgebiet zur Türkei „Überwacht“ sieht das Vorgehen Erdoğans gar nicht gern. Doch für die Russen ist eine Rückgabe des Gebiets an die syrische Regierung zwingend notwendig. Das Bashar al-Assad dieses Gebiet wieder unter seine Herrschaft bringt ist allerdings äußerst unwahrscheinlich und Putin wird sich in dieser Sache auch nicht gegen Donald Trump (oder auch einen einen anderen US-Präsidenten) stellen. Erdoğan wiederum scheint mit dem Interessenkonflikt zwischen Ost und West zu rechnen, um seine eigenen regionalen Machtansprüche geltend zu machen. Dennoch verurteilen Syrien und der Iran die Türkei und werfen Erdoğan ihrerseits vor, terroristische Vereinigungen zu unterstützen.

­Die Sprecherin des Außenministeriums in Washington, Heather Nauert, warnte die Türkei vor jeglichen Aktionen die nicht gegen ISIS gerichtet seien und Syriens stellvertretender Außenminister Faisal Mekdad, drohte mit dem Abschuss türkischer Flugzeuge die Angriffe auf Afrin fliegen. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu behauptete, dass Russland seine Militärpolizei aus Afrin abgezogen hätte. Doch der russische Außenminister Sergej Lawrow widersprach am Freitag auf einer Pressekonferenz der Vereinten Nationen dieser Aussage.


Man darf gespannt sein, ob die Welt weiterhin zusieht, wie die Türkei ihren Vernichtungskrieg gegen die kurdische Kultur und das kurdische Volk führt. Alle Welt fordert einen Staat für die Palästinenser, doch auch die Kurden haben seit Jahrhunderten einen eigenen Staat verdient. Das Kurdistan im Nordirak ist demokratischer als die meisten europäischen Regierungen und die Türkei unter „Erdowahn“ ist eine autoritäre Scheindemokratie, die mit diesem Krieg einen weiteren Schritt in Richtung Diktatur geht. Zwischen sozialistischen Kurden und einer faschistisch-islamistischen Türkei, liegen meine Sympathien klar bei den Kurden.