Gewalt gegen Frauen und Machismus in Lateinamerika

No mas femicidio Camella - Flickr.com CC BY 2.0




Der Kontinent unterliegt nur Indien und kleineren asiatischen Länder in der Zahl von Feminiziden.

Noel Nascimento – 05. März 2018

In Brasilien geschehen jeden Tag acht Morde an Frauen. Nur in Mexiko und Peru sind die Zahlen noch größer. Genaue Angaben über Unterschiede in den von den sozialen Umständen verursachten Fällen, liegen allgemein nicht vor. Auch die Politik hat kein großes Interesse daran. Jedoch sind die Zahlen der gemeldeten Morde oder von häuslicher Gewalt unter ärmeren Schichten und vor allem bei Farbigen größer. Der Machismus hat soziale und kulturelle Gründe.

Besonders gut wissen Forscher nicht welche Rolle Frauen in der präkolumbianischen Zeit in der Gesellschaft spielten. Familiäre Umstände und Arbeitsleistungen sind in unpräzisen Beschreibungen vorhanden und welcher Einfluss auf die Mentalität dies hinterlassen haben könnte, ist undefinierbar. Pizzarro und Cortez verwüsteten und vernichteten die in einigen Bereichen des Wissens den Europäern überlegene Zivilisationen der Mayas, Inkas und Azteken, von Bolivien, Peru über Mittelamerika bis Mexiko hinauf. Noch nie zuvor hatte eine so kleine Anzahl von bewaffneten Menschen so viel zerstört und so viele Menschen getötet. Es blieb fast nichts. Dieses ungeheuerliche Kapitel der Geschichte bleibt gewiss nicht in Vergessenheit, lässt jedoch die Vorzüge und möglichen Ungerechtigkeiten einer großen Zivilisation, die gewiss auch ihre Ungereimtheiten hatte und möglicherweise auch blutig gewesen sein soll, nicht enthüllen und ins geheimnisvolle verschwinden.

Die bekannte Geschichte Lateinamerikas fängt also mit der Ankunft von Columbus an, und mit ihm der Katholizismus und die Ausbeutung der Bodenschätze, die Versklavung der Ureinwohner und die Einführung von Sklaven aus Schwarzafrika. Man kann die militärische Goldsuche der spanischen Entsandten im Bezug auf den Wert von Menschenleben jedoch miteinbeziehen. Frauen und Kinder gehörten auch zu deren Opfer, in Lateinamerika wie später in Nordamerika, als sie zu einer Gefahr der Vermehrung von Unterrassen zählten und keinen unerwünschten Nachwuchs zur Welt bringen durften, aufgrund dessen mehrere Millionen „Indianer“ getötet wurden.

Wie viel das Leben einer Frau wert sein darf, scheint die Geschichte der Menschheit schlecht hin erzählen zu wollen und auch nicht mal uns richtig wissen zu lassen. Diese Barbarei ist in allen Teilen der Welt und in allen Kulturen und Religionen vorhanden.

Auf der Seite der Atlantikküste, die durch das Abkommen von Tordesillas den Portugiesen zugesprochen wurde, verlief die Geschichte im Bezug auf die Vernichtung von einer vorhandenen Zivilisation etwas anders, da es in der Hinsicht noch keine gab. Die Ureinwohner die die Portugiesen vorfanden lebten noch unter Bedingungen die der Steinzeit entsprachen. Die tribalen Verhältnisse schlossen auch den Kannibalismus ein, der als Folge des Krieges erfolgte, der für die Menschen der wildwüchsigen Wälder Brasiliens als Sport betrieben wurde, nicht aus Gier, und die Sieger durften meist die gefangenen Besiegten töten, kochen und schließlich auffressen. Dabei kamen die Frauen gut davon, da sie an dem Krieg nicht teilnahmen. Sie durften Kochen und mitessen. Die Nacktheit war eine Natürlichkeit, nicht beschämend, ein Mann durfte mehrere Frauen befruchten, aber bei einer kleineren Anzahl von Frauen in der Tribus durften auch sie mehrere Männer haben, und von ihnen befruchtet werden. Ob es für sie von Vorteil oder Nachteil war, kann man aus unserer heutigen Perspektive nicht einschätzen. Das alles sahen die Portugiesen nicht mit guten Augen und die schon ab 1526 gelandeten Jesuiten taten alles um es zu ändern.

Nicht nur der Katholizismus darf im Falle Lateinamerikas für schuldig erklärt werden, sofern dieser ein Faktor war, der zuweilen beschützend gewesen ist, andererseits durch die religiösen Vorstellungen von Untertänigkeit und Gehorsam der Frau in Verbindung mit der machistischen Kultur zu einer Bestärkung von dieser Mentalität beigetragen hat. Auch die eingeführten Schwarzafrikaner trugen eine kulturelle Erbschaft der Unterwerfung der Frauen mit sich und trotz des Elends und der Barbarei der Sklavenschaft durch die Weißen, blieb sie auch unter den unter ungeheuerlichen Bedingungen misshandelten Sklaven. Die Mulatos ergaben sich zuerst aus der Mischung zwischen Herren und schwarzen Frauen, die offensichtlich nicht nur in der Küche für Madame arbeiteten. Herrscher war der Mann, fügig die Frau, aber die schwarze Frau selbstverständlich, wenn Madame nicht konnte oder nicht wollte. Oder einfach nur so zur Abwechselung.

Mit der Befreiung der Sklaven in Brasilien im Jahr 1888 hieß es lange nicht, dass dadurch auch eine wahre Emanzipation statt fand. Nicht jeder Sklavenbesitzer war ein perverser oder pervertiert, aber die wenigsten fanden Arbeit, fast alle waren Analphabeten und konnten nichts als ganz schlichte Aufgaben ausführen. Die immer neuen Zuwanderer aus Europa brachten bessere Handwerker, wie Schneider, Schreiner, Maurer, usw. Viele ehemalige Sklaven verwahrlosten mit ihren Mischlingskindern auf den Straßen von Rio de Janeiro, Salvador oder Recife. Sie suchten Unterschlupf am Stadt Rand, bauten Schuppen und kleine Hütten mit Dächern aus Zink und bildeten die ersten Slums, die heute als Favelas bekannt sind.

Kein Mensch, ob aus Lateinamerika, Europa oder sonst woher, braucht sich die frage zu stellen, aus welchen Vierteln die vielen Pförtner, Putzfrauen, Straßenfeger, Schuhputzer, und viele andere solcher Berufe in Brasilien wie in ganz Lateinamerika kommen. Die Antwort liegt auf der Hand. Auch woher die meisten Prostituierten kommen und wo die größte Kriminalität herrscht, ist der ganzen Welt bekannt. Auch da ist selbstverständlich die  Gewalt gegen die Frau und Frauenmord am stärksten vertreten. Die jüngsten Gesetze in Brasilien, wie in anderen lateinamerikanischen Länder werden gegenwärtig von konservativen Kräften verdrängt, ausgelacht, verhöhnt und zusammen mit den wenigen Arbeiterrechten von neoliberalen politischen Kräfte wieder außer Kraft gesetzt. 

Eine historische Schuld gibt es so gut wie gar nicht, die Möglichkeit der Versöhnung und des friedlichen Zusammenlebens mit den benachteiligten, von Armen bewohnten Vierteln der Großstädte durch polizeiliches und militärisches Eingreifen vernichtet. Eine Wirklichkeit, die anstatt von sozialen Maßnahmen wie das Strukturieren und Bauen von Straßen, Schulen und Krankenhäusern, nur noch weiteren Hass und Revolte erzeugen wird. Die erneute Ausschließung der Armen erfolgt. Was kümmern schon die Rechte der Frauen, auch wenn sie in allen Medien besprochen werden, wenn die Umstände die dazu führen nicht im mindesten geändert werden können. Selbstverständlich ist Gewalt gegen Frauen nicht nur (!) eine Sache dessen Ursache in der Armut liegt, aber in der Charakterlosigkeit einiger Männer, die in vielerlei Aspekten sich ihrer körperlichen Vorteile gegenüber der Zerbrechlichkeit des weiblichen Geschlechtes bewusst, einen geisteskranken „Nutzen“ zu ziehen beabsichtigen.

Die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff, die erste Frau die Brasiliens die zur Präsidentin gewählt wurde, konnte nur aufgrund eines stark vorhandenen Machismus stattfinden, der gegen einen Mann nicht zustande gekommen wäre. Die Frau Dilma Rousseff, die auch unter der Militärdiktatur gefoltert und von ihren Peinigern vergewaltigt wurde, hatte unter Druck die Neigung zu stottern und wurde verspottet. Die Überraschung war, dass selbst Frauen dabei waren auch wenn es nur selten aber eine farbige oder aus ärmeren Verhältnissen stammende Frauen gab. Feststellen lässt sich jedoch, dass Armut zu Übertretung der Würde führt, und wo die Würde mit Füssen getreten wird ist der Boden für die Saat der Gewalt bereitet.

Persönlich, gehöre ich zu denjenigen Männern, die das Glück hatten, eine sehr Liebevolle Mutter gehabt zu haben die im Leben eine Kämpferin war, und mir die unvergesslichen Worte - wie viele anderen - sagte, „eine Frau schlägt man nicht mal mit einer Blume. Wenn sie dir nicht würdig ist, drehe ihr dann einfach den Rücken zu und geh weg“. Ihr zu gedenken, schrieb ich dies.