Marinaleda, ein ganz normales Dorf?

Marinadela - Bild von Andreas Habicht - CC BY-ND 2.0


In südeuropäischen Ländern, wie Spanien, Portugal, Italien und Griechenland und auch in Frankreich, gibt es viele Ortschaften, die von linken oder kommunistischen Bürgermeistern regiert werden. Allerdings in den meisten Fällen bekommt der Außenstehende dies überhaupt nicht mit. Das Leben dort geht eben trotz der Kommunisten, seinen “ganz normalen”(?!) kapitalistischen Gang.

Von Andreas Habicht - 03. März 2018

Ein besonderes Dorf

Marinadela - Bild von Andreas Habicht - CC BY-ND 2.0

Nicht so in Marinaleda, einer kleinen Gemeinde von knapp 2.700 Einwohnern in der Comarca (eine Comarca ist eine Verwaltungseinheit, in etwa mit den deutschen Landkreisen vergleichbar) de Estepa in der andalusischen Provinz Sevilla. Dem Besucher, der aus Richtung Málaga kommend in das Dorf fährt, fällt zuerst einmal rechter Hand das neue Rathaus auf, ein Stück weiter folgt dann der Sportkomplex “E. Che Guevara” (Ernesto “Che” Guevara) und auch die Straßennamen springen eigentlich sofort ins Auge. Straßennamen, die die Namen Che Guevaras und Salvador Allendes tragen, findet man in Marinaleda ebenso, wie die Avenida de Libertad (= Freiheit) und die calle Jornaleros (= Tagelöhner). Auffällig sind auch die Mauern mit Graffitis am Ortseingang beim Sportkomplex, die sich Themen, wie Frieden, Antifaschismus und Sozialismus widmen.

Marinaleda kann auf eine revolutionäre Geschichte zurückblicken. Der Bürgermeister Juan Manuel Sánchez Gordillo befindet sich bereits seit den ersten Wahlen nach Ende der faschistischen Diktatur unter General Francisco Franco im Jahr 1979 im Amt.

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Allerdings war, bzw. ist er nicht der Bürokrat, wie wir ihn von anderen Gemeinden her kennen, sondern setzte sich aktiv für die Befreiung seines Heimatdorfes ein. So organisierte er die Besetzung des Landgutes “cortijo El Humoso”, was letztendlich zur Folge hatte, dass der Großgrundbesitzer nach jahrelangem Kampf aufgab und “El Humoso” verließ. Die Provinz Sevilla kaufte das Landgut und den Boden, der dann in das Eigentum der Gemeinde überging. Natürlich handelte es sich nicht um eine einmalige Besetzung- der Bauernhof wurde immer wieder von der Guardia Civil (paramilitärische Polizeieinheit) geräumt und die Besetzung erfolgte erneut – über Jahre. Hier hat das Sprichwort “steter tropfen höhlt den Stein”, einmal mehr bewiesen, dass es wahr ist.

In den 1990er Jahren wurde der alte Traum in der 5.000 jährigen Geschichte Andalusiens: “das Land für den der es erwirtschaftet” (in Deutschland auch bekannt als “Junkerland in Bauernhand”, nach der Bodenreform in der DDR) Realität. In Marinaleda gehört die Arbeitslosigkeit und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wie wir sie von der kapitalistischen Gesellschaft her ja zur Genüge kennen, (hoffentlich ein für alle Mal) der Vergangenheit an.

Eine Utopie bis zum Frieden

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Die Wahlergebnisse (vielleicht sogar insbesondere nach Maßgabe der bürgerlichen Demokratie) bestätigen die erfolgreiche Politik von Juan Manuel Sánchez Gordillo – er wurde bisher immer mit Wahlergebnissen zwischen 70% und 80% der Wählerstimmen in seinem Amt bestätigt, wovon Politiker die die Interessen der Bourgeoisie vertreten, eigentlich nur träumen können. Dass trotzdem  oftmals regierungsfähige absolute Mehrheiten einer einzigen Partei (meistens natürlich die beiden “Volksparteien”, wie “Populares” und “Sozialisten” die die Interessen des Großkapitals vertreten) entstehen, ist dem komplizierten spanischen Wahlsystem zu zollen, dass alleine schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um die stärkste Partei handelt, ihr zusätzliche Sitze in den Parlamenten beschert.

Der Wahlspruch von Marinaleda ist: “una utopía hacia la paz” (eine Utopie bis zum Frieden) und es existiert eine Demokratie nach sozialistischem Vorbild – obwohl diese eigentlich viel weitreichender ist, als die bürgerliche Demokratie, werden solche Projekte in den großbürgerlichen Medien natürlich (wie so oft) schlechtgeredet- ermöglicht sie doch eine Mitsprache jedes einzelnen Bürgers und beschränkt die “Demokratie” nicht auf ein paar Stadträte. Hier sehe ich auch den eigentlichen Angriffspunkt- in (sogenannten) bürgerlichen Demokratien möchte man letztendlich verhindern, dass sich jeder (also auch die Arbeiter und Bauern, mit einem niedrigen Bildungsgrad) in die Politik einbringen können, denn dies könnte die “Grundpfeiler” der kapitalistischen Gesellschaft erschüttern, was es natürlich (nach Ansicht der Herrschenden) zu verhindern gilt. Sie möchten uns, in alter Manier die Arbeiter und Bauern als zu “dumm” verkaufen, um letztendlich eine Rolle in der Politik zu spielen. Dies war zu Zeiten von Karl Marx so und es ist bis heute so.

Warum ist Marinaleda kein Beispiel für andere Dörfer und Städte?

Marinadela - Bild von Andreas Habicht CC BY-ND 2.0

Dies ist in der Tat eine berechtigte Frage. Aber schauen wir uns einmal die Medienlandschaft in Spanien (sowie in anderen Ländern, wie auch Deutschland) einmal etwas genauer an. Offiziell garantieren natürlich die Verfassungen die Presse- und Meinungsfreiheit, als hohes Gut. Erst einmal gibt es hieran nichts auszusetzen, allerdings, stellen Sie sich, werter Leser einmal die Frage, wer nun Herausgeber der Masse der Presseerzeugnisse und Besitzer der Massenmedien, wie Rundfunk und Fernsehen ist. Richtig, es sind ein paar Wenige, die viel Geld besitzen, sehr viel Geld und so die “öffentliche Meinung” so steuern können, dass es im Interesse der Bourgeoisie ist.

“Moment mal...”, wird hier wohl der Einwand so Manchem von Ihnen sein, “es gibt doch auch kritische, ja sogar kommunistische Medien”. Richtig, die gibt es in der Tat. Aber haben Sie sich schon einmal im Zeitungskiosk “Ihres Vertrauens” genauer umgeschaut? Wenn überhaupt findet man “linke Blätter” (zumindest im äußersten Südwesten Deutschlands, mag sein, dass es in anderen Teilen Deutschlands ein klein wenig anders aussieht), allenfalls im gut sortierten Bahnhofsbuchhandel der großen Städte. Auch in Spanien verhält es sich nicht anders.

Genau dies ist der Punkt, der es verhindert, dass auch in anderen Gemeinden eine “sozialistische Revolution” ausbricht, denn nicht zuletzt, dass es eben diese Medien sehr gut verstehen, im allgemeinen, die Leute dazu zu bewegen, der Politik gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit entgegen zu bringen (“die da ‘Oben’, machen ja doch, was sie wollen”) oder offen die Interessen der Bourgeoisie wiederzugeben, erzählen sie letztendlich von den großen “Erfolgen des Kapitalismus”- ja sie greifen mit unter sogar kritische Themen auf, wie Arbeitslosigkeit und Sozialabbau, verschweigen aber immer, welches Gesellschaftssystem dies letztendlich zu verantworten hat und wie sich dies unter Umständen ändern ließe.

In Marinaleda sieht es ganz anders aus, denn hier vertrieben die Bauern (ja…, in Andalusien sind es noch Bauern, wie man sie von früher her kennt, denn knapp 80% der andalusischen Bauern sind Tagelöhner und besitzen kein eigenes Land), wie eingangs schon erwähnt, durch ihren hartnäckigen Kampf und die Unterstützung ihres Bürgermeisters, den Großgrundbesitzer. Was die guten Wahlergebnisse sichert, ist, dass die Leute selbst sehen, dass sie eben mit den sozialistischen Strukturen besser leben, als mit den bestehenden neoliberalen Strukturen der umliegenden Orte.

Sozialistische Erfolge

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In Andalusien ist die Arbeitslosigkeit mitunter sehr hoch- im landwirtschaftlich dominierten Hinterland, sind 35% bis 40% Arbeitslosigkeit keine Seltenheit (… in der Erntezeit etwas weniger)- in Marinaleda herrscht Vollbeschäftigung das ganze Jahr über und es gibt keine Unterschiede in der Entlohnung (knapp 1.200 €uro pro Monat), egal welcher Tätigkeit jemand nachgeht- ob Landarbeiter oder Angestellter in einer Verwaltung, ja bis hin zum Bürgermeister.

In der Gemeinde gibt es keine Bodenspekulation, was sich auf die Mieten auswirkt.  Ein Haus/ Wohnung von ca. 100 Quadratmetern kostet nicht mehr, als 15 €uro pro Monat. Hierbei handelt es sich um eine Art Mietkauf. Die Gemeinde stellt Grund und Boden, sowie das Baumaterial, sowie einen Architekt und die Bauarbeiter zur Verfügung. Der künftige Bewohner soll sich in die Arbeiten einbringen und erhält für seine Arbeitsleistungen auch eine Vergütung. Diese Vergütung wird dann vom Wert des Hauses abgezogen. Was dann noch übrig bleibt, wird in sehr geringe monatliche Raten aufgeteilt. Im Gegenzug muss sich der Besitzer des Hauses dazu verpflichten, dass er es nicht einfach gewinnbringend verkaufen darf. In Marinaleda ist ein Haus/ Wohnung kein Luxus (wie in weiten Teilen Spaniens), sondern ein bezahlbares Grundrecht.

Als weiteren Erfolg sehe ich die Basisdemokratie unter Einbeziehung aller Bürger der Gemeinde. Es finden monatliche öffentliche Versammlungen, die “Asambleas” statt, zu denen jeder Bürger eingeladen wird und er kann dort Vorschläge unterbreiten und Probleme ansprechen, die die gesamte Gemeinde betreffen. Die Demokratie ist hier nicht ein paar Stadträten/ Gemeinderäten vorbehalten (die oftmals noch nicht einmal die Interessen der Bürger vertreten), sondern jeder soll daran beteiligt werden.


Marinadela - Bild von Andreas Habicht CC BY-ND 2.0

Selbstverständlich gibt es auch in Marinaleda eine Opposition- die allerdings anhand der deutlich sichtbaren Erfolge des Bürgermeisters einen schweren Stand hat. Natürlich gibt es auch hier Leute, die an der Wiederherstellung der “alten Ordnung” (wie sie anderswo noch existiert), aus irgendwelchen Gründen interessiert sind- sei es, dass sie Land besitzen (mit dem sie gerne spekulieren würden) oder sonst zu den Wenigen gehören, denen die kapitalistische Ordnung letztendlich Vorteile bietet.

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