Die wahren Staatsschulden in der Eurozone

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Wenn es um die Schulden der öffentlichen Haushalte geht, werden zumeist nur jene nach den Brüsseler Kriterien verwendet. Doch wie sieht es aus, wenn man die Target2-Salden miteinbezieht, die ja auch faktisch Staatsschulden sind.

Von Marco Maier

Derzeit sieht es laut den aktuellen Staatsschulden nach den Schätzungen der Schuldenuhr in der Eurozone so aus wie in der ersten Reihe. Nun addieren bzw. subtrahieren wir noch die Target2-Salden (welche so oder so irgendwann fällig werden) hinzu bzw. hinweg, weil diese faktisch ebenso Schulden bzw. Forderungen der Staaten (über die Notenbanken) darstellen. Auch wenn sich in der Zwischenzeit wieder einige Verschiebungen ergeben haben, hier die Salden (gerundet) vom April 2018 in der zweiten Reihe.

  • Italien: 2.320 Milliarden Euro + 426 Milliarden Euro = 2.746 Milliarden Euro
  • Frankreich: 2.304 Milliarden Euro + 103 Milliarden Euro = 2.407 Milliarden Euro
  • Deutschland: 2.086 Milliarden Euro – 902 Milliarden Euro = 1.184 Milliarden Euro
  • Spanien: 1.205 Milliarden Euro + 389 Milliarden Euro = 1.594 Milliarden Euro
  • Niederlande: 495 Milliarden Euro – 135 Milliarden Euro =  360 Milliarden Euro
  • Belgien: 482 Milliarden Euro + 6 Milliarden Euro = 488 Milliarden Euro
  • Griechenland: 345 Milliarden Euro + 46 Milliarden Euro = 391 Milliarden Euro
  • Österreich: 306 Milliarden Euro + 42 Milliarden Euro = 348 Milliarden Euro
  • Portugal: 255 Milliarden Euro + 79 Milliarden Euro = 334 Milliarden Euro
  • Irland: 215 Milliarden Euro – 12 Milliarden Euro = 203 Milliarden Euro
  • Finnland: 152 Milliarden Euro – 67 Milliarden Euro = 85 Milliarden Euro
  • Slowakei: 44 Milliarden Euro – 10 Milliarden Euro = 34 Milliarden Euro
  • Slowenien: 31 Milliarden Euro – 0 Milliarden Euro = 31 Milliarden Euro
  • Zypern: 17 Milliarden Euro – 7 Milliarden Euro = 10 Milliarden Euro
  • Luxemburg: 17 Milliarden Euro – 207 Milliarden Euro = 190 Milliarden Euro (Überschuss)
  • Litauen: 16 Milliarden Euro + 6 Milliarden Euro = 22 Milliarden Euro
  • Lettland: 14,5 Miliarden Euro + 6 Milliarden Euro = 20,5 Milliarden Euro
  • Malta: 6,5 Milliarden Euro – 3 Milliarden Euro = 3,5 Milliarden Euro
  • Estland: 2,3 Milliarden Euro + 0,3 Milliarden Euro = 2,6 Milliarden Euro


Wenn wir dies nun in Relation zur Wirtschaftsleistung (Zahlen für 2017, da für 2018 noch geschätzt wird) setzen, liegt die deutsche Staatsverschuldung bei plötzlich nur noch 36,3 Prozent. Italien liegt dann bei schon 160 Prozent, Frankreich bei 105 Prozent und Spanien als viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone bei 137 Prozent. Österreichs Verschuldungsgrad stiege dann auf ganze 94 Prozent, während die Niederlande mit 49 Prozent die Maastrichter Kriterien locker erfüllen würden. Ganz interessant ist der Fall Luxemburg: Anstatt verschuldet zu sein hätte das kleine Land dann sogar einen Überschuss von 343 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Noch interessanter wird es, wenn man diese Schulden in Verhältnis zum Steuer- und Abgabenaufkommen setzt. Immerhin arbeiten die Staaten ja nicht mit der vollen Wirtschaftsleistung, sondern nehmen sich davon "nur" einen Teil. Wenn man bedenkt, dass die Steuer- und Abgabenquote in Deutschland in diesem Jahr wohl bei 40,5 Prozent liegt, beläuft sich das tatsächliche Verschuldungsniveau (inkl. Target2) auf gut 89 Prozent des verfügbaren staatlichen Einkommens. Italien mit einer Abgabenquote von 42,3 Prozent wäre dann mit einem Verschuldungsgrad von 378 Prozent. Österreich mit einer Abgebenquote von 42,4 Prozent des BIP wäre demnach mit 222 Prozent auch noch im oberen Feld mit dabei.

Griechenland (Abgabenquote: 41,8 Prozent) nimmt gesamtstaatlich lediglich etwa 74,3 Milliarden Euro ein, was bei den 391 Milliarden Euro inklusive der Target2-Schulden einen tatsächlichen Verschuldungsgrad von 526 Prozent ausmacht! Ein Wahnsinn nicht? Man muss sich das einmal vorstellen: Um diesen Schuldenberg komplett (ohne Zinsen) abzutragen, müssten die Griechen für etwa fünf Jahre und drei Monate sämtliche staatlichen Einnahmen direkt in den Schuldendienst stecken und dürften keinen einzigen Cent ausgeben.

Wie man es auch dreht und wendet: Klar ist, dass sich das ganze System zu einem riesigen Pyramidenspiel entwickelt hat, bei dem die größten Zocker gewinnen und die breite Masse verliert. Die Eurozone hat ein gewaltiges Problem und eine enorme Schieflage zwischen den einzelnen Mitgliedsländern, die infolge des starren Euro-Korsetts immer stärker wird und zu noch mehr Problemen führt.