Betrachtungen eines linken Weltbürgers

Hasta la vitoria siempre - Che Guevarradenkmal in Havana, Cuba - Pixabay CC 0

Der Kapitalismus zerfrisst sich selbst in dem Wahn, er könne überleben. Er strebt im Inneren die Hegemonie von wenigen an. Ist der Sozialismus besiegt?

Noel Nascimento – 11. Juni 2018 – 1 Jahr Info-Welt.eu

Der Sozialismus hat eine Geschichte von idealistischer Prägung, die sich dadurch vom Kapitalismus unterscheidet, dass es sich nicht um eine Analyse von vorhandenen Strukturen handelt, um sich selbst zu rechtfertigen, sondern um humanistische Ideale in eine Wirklichkeit umzusetzen die noch weit davon entfernt ist, soziale und kulturelle Ungerechtigkeiten zu lösen. In sofern kann man den Sozialismus als eine humanistische Idee bezeichnen. Für Humanisten steht der Mensch an vorderster Stelle aller Ideale und ist der Zweck allen menschlichen Handelns und Tuns. Die Menschheit ist des Sozialismus höchstes Ideal.

Schwierigkeiten der Sozialisten und die Macht des Gegners.

Unsere unterschiedlichen Sphären sind in Anbetracht der Lage vieler Länder und Völker auf dem ganzen Globus eine Herausforderung an erster Stelle. Das gegenwärtige Gesicht des Kapitalismus zeigt eindeutig seine Fähigkeit, sich stets neu zu erfinden, zu verkleiden und anzupassen. Seine übermächtige Macht liegt darin, dass diese Macht sich durch eine einzige Idee durchsetzt, die die Herrschaft durch weltweites einheitliches Handeln geprägt ist und möglich gemacht wird, während Sozialisten aufgrund der Unterschiede der Länder der Welt die Barrieren finden die uns viele Hindernisse nicht überwinden lassen. Es sind Barrieren der technischen und kulturellen Entwicklung auf verschiedenen Ebenen. Sie führen zu erheblichen Missverständnissen und Fehlentwicklungen der Organisation politischer Strukturen sozialistischen Denkens weltweit. Es ist unmöglich, einem afrikanischen Kleinbauer eine Sprache der Revolution des Proletariats beizubringen oder einem bolivianischen Indio von einer Vereinigung der Bauern zu überzeugen. Damit ist der Kapitalismus schneller und seine Kritik am Sozialismus ist auf Grund eines von Sozialisten noch nicht überwundenes Stigma wesentlich wirksamer, auch wenn die Folgen dementsprechend spürbar sind. Es geht um das schwierige Problem des Paradigmas der Gleichheit in Konfrontation mit der Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit der Menschen, die Sozialisten weltweit zu schaffen macht und zu großen Fehlern in der Vergangenheit führten. Das Wort „égalité“ zerbrach den Sozialisten den Kopf und die schieren Unterschiede menschlicher Eigenschaften war und bleibt ein Tabu, im Gegensatz zur kapitalistischen Argumentation, die sich ausgerechnet darauf gründete und es noch tut.

Es ist eine Erbschaft der französischen Revolution mit den Worten „Liberté, Égalité, Fraternité“ die das grundlegende Problem verschärfte. Es war aber der Kapitalismus der als erster ein Nutzen daraus zog und dieses sogar zum Gegenstand seiner Argumentation machte. Nur einige Jahre später – im neunzehnten Jahrhundert – brachte Saint Simon die ersten Gedanken literarisch zustande, die sich mit übermäßigem Reichtum befassten.

Das zu Grunde liegende Problem.

Wächst man in einem Entwicklungsland auf und erlebt einen Teil seiner Bildung in einem Land der nördlichen Hemisphäre, wird einem das Problem schnell bewusst sowie auch deutlicher. Leben die Menschen unter den gleichen kulturellen Einflüssen, seien diese wirtschaftliche, sprachliche, religiöse oder irgendwelche anderen, ist es stark spürbar, dass die ärmeren reicher werden wollen. Sie empfinden nicht die Empathie für andere, oft auch nicht für diejenigen, die unter den gleichen Verhältnissen leben. Der natürliche Prozess in der Not sagt dem Individuum „rette dich“. Unter manchen Bedingungen der geistigen Entwicklung ihrer Sensibilität kommen einige dazu, das Leiden ihresgleichen mit zu empfinden, meist aber dann solidarisch miteinander zu sein wenn sie der Gruppenstärke zum eigenen Schutz bedürfen. Viele Versuche sind anhand von Studien unternommen worden, um der Tatsache auf den Grund zu gehen, wann und warum Menschen in der Lage sind, das Leiden anderer selbst zu empfinden als wäre es ihr eigenes Leiden. Viele Antworten sind entworfen worden um die Gleichgültigkeit von vielen zu enträtseln und diese sind meist nicht schlüssig.

Erlebt man einerseits als Kind bei der Geburtstagsparty der kleinen wie ein anderes Kind die Finger in die Kehle steckte, um sich zu übergeben, um dann wieder ein Stück Kuchen essen zu können, wird man je nach Charakter und Empfindsamkeit ein solches Erlebnis – wie viele andere dieser Art – es niemals vergessen und sich selbst fragen welche Welt es ist die das in sich birgt. Die andere Seite, die des anderen Kindes, mag fast unerschlossen sein, wenn es aus Staunen die Freundschaft des glücklicheren Kindes beim Eintreten seiner miserablen Hütte an einem Berghang sieht und sie annimmt. Im Grunde hätte das hungernde Kind alle Gründe um irgendwann mal ein „faime“ Verbrechen aus natürlichem Hasses begehen können, dass rein menschlich begründbar wäre. Es geschah nie, bis das arme Kind von der Stadtverwaltung mit der Mutter vertrieben wurde und die Hütte vom Berghang abgerissen wurde. Einige können sich in die Haut des anderen hinein versetzen, wie ich mal als siebenjähriger. Das Bild verschwand mir nie aus dem Kopf. Anderen Menschen, ob wohlhabender oder genau so arm, mochte es völlig egal gewesen sein.

Es ist eine offensichtliche Situation, dass Sozialisten in einem Kontinent wie Südamerika Angst vor dem Wort „Unterschiede“ haben. Und warum geschieht das so? Wo mehr Reichtum vorhanden ist, kann man leichter auf ein wenig verzichten. Nur extrem bedrohliche Situationen in denen nichts mehr übrig ist und keine Hoffnung existiert können zum Aufstand führen. Aus diesem Grund sind Revolutionen in Europa praktisch gar nicht mehr möglich. Aber was rechtfertigt es, dass sie in Südamerika auch nicht mehr geschehen? Mit Ausnahme von Kuba, wo sich einige revolutionäre Kräfte zusammenschlossen und eine nicht besonders große Bevölkerung, die sich fast im Zustand der vollkommenen Ausbeutung befand, wurden in allen anderen Länder Bewegungen in Gang gesetzt, die letztendlich durch Militärputschs oder Manöver der kapitalistischen Kräfte zugunsten derer Machterhaltung wirkten. Sie wurden aufgrund einiger vorhandenen Gegebenheiten ermöglicht, die sie unterstützten.

Eine der wirkenden Kräfte war in Lateinamerika der sechziger Jahre der Katholizismus, der zur Zeit mächtiger unter der kleinen Mittelschicht des Bürgertums war. Dies ist nicht anders auszulegen, wie als religiöser Einfluss. Kennt man sich aber im Grunde besser mit den geschichtlichen und soziologischen Vorgänge aus, die das ganze beinhaltete, wie auch die der individuellen psychologischen Vorgänge des neu entstandenen Reichtums des mittleren Bürgertums, seiner Spießigkeit und entsprechendem Egoismus, mag festgestellt werden, dass religiöse Begründungen nichts als Vorwände sind um persönliche Vorteile zu verteidigen. Aus diesem Grund muss man die Religion von ihrem gesellschaftlichen Einfluss trennen, wenn auch dem Glaube nach eigenem Wunsch oder individueller Neigung, Freiheit eingeräumt wird. Der Grund dafür ist, dass der Neureiche die ihm unterstehenden Armen verachtet und er seine Verachtung damit begründet, dass die anderen sich nicht so viel angestrengt hätten wie er. Stimmt das?

Die Unterschiede.

Das ist des Sozialisten Schreckenswort. Und es ist gleichzeitig das Glückswort des Verteidigers des Kapitalismus bis in letzter Instanz. Dieses Problem macht sich in Deutschland gegenwärtig spürbar in der inneren Spaltung der Linken. Trotzdem muss erwähnt werden, dass Spaltungen dazu dar sind, Meinungen zu erläutern und zu erörtern, damit Probleme ihre Lösungen finden können. Die Menschen sind unterschiedlich in Persönlichkeit, Charakter, Empfindsamkeit, Bestreben, Absichten und Vorhaben. Darin besteht unsere eigentliche Größe und nicht das Gegenteil. Besteht man auf Gleichheit wird man dann ausgerechnet auf den Fehler der anderen herein fallen, der darin besteht alle „Ungleichen“ beseitigen zu wollen. Ungleichheit heißt aber nur, dass der eine oder der andere in einer bestimmten Situation nicht der richtige ist, der Schuster der kein Mechaniker ist, oder der Mathematiker der keine künstlerische Begabung hat, und umgekehrt! Die Chance dazu, die eigenen Neigungen und Ideen zu verwirklichen, sind das maßgebende. Gleichheit heißt dann nur, dass alle die gleichen Rechte haben, um die eigenen Neigungen zu entfalten. Wir sind im Grunde verschieden, jedoch im Recht gleich. Darin versagte auch zum größten Teil der Sowjet-Sozialismus. Durch die Gewalt der Gleichstellung und Beseitigung der Verschiedenheit, die mit Unterschied verwechselt wurde. So ein kleiner Bauer, als Besitzer eines kleinen Grundstückes, war ein Hindernis für die Verwirklichung der Kolchosen, auf Grund dessen, dass er etwas besaß, obwohl er doch nur arm war. Sogar die Modernisierung der UdSSR war ein Grund, den Bauer mit seiner Karre und seinem Ochsen von der systematischen Organisation des Sozialismus zu beseitigen. Er stand der Klasse im Wege, der er selbst angehörte. Dies ist ebenfalls ein Fehler des Kapitalismus, der es sich jedoch zu Nutzen macht und nicht zu einem Hindernis.

Wege. Die kapitalistische Schlange.

Im sozialen Bereich gibt es keine endgültigen Lösungen. Es gibt Wege. Die Bedingungen des Lebens ändern sich und auch die Gesellschaft und ihre Begebenheiten. Die Ungleichheiten der Teile der Erde und der Länder sind durch Unterschiede bestimmt. Der Mensch an sich hat verbindende Eigenschaften die allen eigen sind. Zuerst die physischen Bedürfnisse dann Bestrebungen, Absichten, Wünsche und die Kompliziertheit seiner Gefühle. Das heute herrschende System ist der Kapitalismus in neuer Kleidung, als „Neoliberalismus“, dessen größte Schwäche es ist, die Freiheit des Kapitals selbst zu prägen aber Hegemoniebestrebungen einiger großer Unternehmen gegenüber anderen kleineren zu unterstützen, die durch Konkurrenz des „freien Marktes“ besiegt und beseitigt werden. Somit verhält sich alles wie eine Schlange die den eigenen Schwanz frisst. Das Spiel des gegeneinander hetzen, das heimtückische und alte Benehmen militärischer Spielchen, die Gegner gegeneinander auszuspielen, ist selbstzerstörerisch für die Idee der "freien" Marktwirtschaft. Dagegen war immer die größte Kraft der sozialistischen Ideale der Pazifismus und die Idee der Verbundenheit aller Völker, trotz Unterschiede. Dies muss in erster Linie verstanden werden. Wenn es eine Welt gibt die heute aufgrund der Technologie Wege bietet, die es möglich machen alle zu ernähren, ist diese keinesfalls eine Errungenschaft des Kapitalismus, sondern der Anstrengung der Wissenschaftler aller Länder und Völker sowie aller Ethnien, wie auch von Künstlern, Philosophen, Literaten. Wir kommen uns alle näher und wissen mehr von einander.

Die Bestrebungen der Menschen nach Gerechtigkeit ist allmählich in allen Erdteilen zum Bewusstsein geworden. Der Kapitalismus zerfrisst sich selbst. Er schießt sich selbst in den Fuss. Der Globus mit seiner Natur ist ein lebendiges Wesen das allmählich den Menschen als Störfaktor empfinden wird. Er wird uns nicht weiter so zerstörerisch dulden. Im Unglück der vom Kapitalismus herbei geführten Tragik kann sich das evolutive Bewusstsein entwickeln. Für die Natur sind wir nichts und im Universum sowieso. Das unser Wesen nach Glück strebt mag der einzige Weg sein, in der Zukunft ein annäherndes Glück zu finden für eine unbestimmte Zeit. Dann müsste man warten bis die Schlange sich selbst gefressen hat, da wird ein Weg mit einer Impfung gegen Schlangengift schon längst in uns verankert sein.