Europäische Werte - Gibt es das noch? Gab es das je?

Europakarte - Bild v  Norman B. Leventhal Map Center - Flickr.com CC BY 2.0


Europa sah sich lange Zeit als Zentrum des zivilisatorischen
Fortschritts. Im 15. Jahrhundert begannen Europäische Mächte mit
einem Wettlauf um die Aufteilung der Welt. Die Arroganz der
europäischen Nationen führte zu den brutalsten Kriegen der
Geschichte und dennoch sind wir der Meinung die „Europäischen
Werte“ seien das Maß aller Dinge. Aber wovon reden wir eigentlich?

Rui Filipe Gutschmidt - 22. Juli 2018

Die viel heraufbeschworenen „Europäischen Werte“ sind in aller Munde und
doch hat wohl jeder seine ganz eigene Vorstellung davon, was das genau
darstellen soll. Unsere Politiker faseln von Menschenrechten, Freiheit,
Nächstenliebe, aber alles was sie tun, ist im Interesse der Hochfinanz, der
Großkonzerne und Lobbyisten, die sich die nationalen und supranationalen
Institutionen zunutze machen, um Gesetze hinzubiegen und so wächst die Macht obskurer Figuren, die keinerlei Interesse an „Werten“ haben, die sich nicht in Währungen oder irgendeiner anderen materiellen Form manifestieren.

Doch es gibt Menschen, die nicht der Gier nach Geld und Macht folgen und
dennoch sind unter diesen viele verschiedene Wertvorstellungen, die weit
von einander entfernt und völlig inkompatibel sind. Moral, Ethik,
Wertegemeinschaften und Kulturen sind die Basis von Religionen und
Ideologien. So gesehen haben wir in Europa ganz unterschiedliche
Wertvorstellungen, die miteinander konkurrieren und die oft nichts mit den
Werten am Hut haben, die von der Europäischen Union offiziell als
Europäische Werte“ bezeichnet werden.

EU-Wertegemeinschaft

Die EU-Politiker bezeichnen Demokratie, Menschenrechte und teilweise die
christlich-abendländische Kultur als Basis der europäischen Werte. Aber dabei
ist die Vorstellung von dem, was „Demokratie“ oder „Rechtsstaatlichkeit“
bedeutet nicht immer die selbe in verschiedenen Staaten, Regierungen,
Parteien. Denn „demokratisch gewählt“ werden auch Diktatoren. Manche
lassen eine Scheinopposition zu, andere Installieren eine Diktatur der Mehrheit
und ignorieren nach der Wahl völlig den Willen und die Bedürfnisse ihrer
Bürger.

Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsrecht und anderes mehr,
werden anscheinend nur in der „westlichen Welt“ respektiert. Immer wieder
wird Russland kritisiert, oder die Türkei. Auch Ungarn, Polen, aber auch
Venezuela stehen in der Kritik, mit Polizeistaatsmethoden die Presse zu
manipulieren und Oppositionelle zu verfolgen. Weniger Kritik hört man –
zumindest in Deutschland – zum autoritären Regierungstil in der Ukraine oder
in Israel. Doch auch bei uns wird die Presse manipuliert, werden die großen
Medienkonzerne zu Propagandazwecken missbraucht und friedliche Demos
werden von Agitatoren unterwandert, um die Forderungen nach einer
gerechteren Welt zu deskreditieren. Kleine Onlinezeitungen, Magazine oder
Blogger, die den Menschen alternative Sichtweisen aufzeigen, werden mit den
Seiten von Islamisten und Extremisten aller Art in einen Topf geworfen. So
arbeiten aber Staatsorgane in aller Welt und was ihnen nicht passt ist schnell
Terrorismus oder „Staatsfeindlich subversiv“.

So halten sich die EU-Politiker selber nicht an ihr „Wertesystem“ und wenn sie
mit Saudi-Arabien, Libyen oder anderen Diktaturen und autoritären Regimen
Geschäfte machen, dann sind alle Sorgen um Menschenrechte wie
weggeblasen. „Die Kanzlerin hat ihre Besorgnis zum Thema
Menschenrechtsverletzungen zum Ausdruck gebracht“, heißt es dann. Nur
wenn die geopolitischen Interessen auf dem Spiel stehen stört unsere
Volkszertreter eine jede Abweichung von ihrer verdrehten Auffassung von
Demokratie und Menschenrechten.

Abendländische Kultur

Ja, die „Identitären“ berufen sich auf die Abendländische Kultur und sagen,
dass sie das Erbe der Griechen, Römer und christlichen Königreiche schützen
müssten. Dabei stelle ich nicht in Frage, dass unsere Zivilisation vieles von
diesen Kulturen übernommen hat, doch inzwischen gab es eine Entwicklung,
bei der von den Wikingern über die Steppenvölker aus dem Osten bis hin zu
den islamischen Reichen auf der Iberischen Halbinsel und dem Osmanischen
Reich, unzählige Kulturen die Europäer beeinflusst haben. Diesen Teil der
Geschichte ignorieren die Identitären aber. So auch alle Nationalisten, die sich
auf „Werte“ wie Rassenreinheit und „Recht und Ordnung“ berufen.

Dabei verstoßen sie aber gegen die „christlichen Werte“ die sie so hoch halten
und auf dessen Schutz sie sich berufen. Denn Nächstenliebe haben sie
höchsten gegenüber ihrem „Volk“, „Rasse“ und natürlich nur bei denen die ihre
verschrobene Rassenideologie teilen. Vergebung? Das ist in ihrer Rachejustiz
ebenfalls nicht vorgesehen. Stattdessen reden Sie vom „Kampf der Kulturen“
und sind davon überzeugt, dass ihre Kultur, was auch immer das genau sein
soll, allen anderen überlegen ist. Ob Blasmusik, Bierkrugstemmen und
Bratwurst eine Kultur ausmachen, will ich nicht beurteilen. Sie sind aber
zweifellos ein Teil der wunderbaren Vielfalt der Kulturen Europas...

Sozialistische Werte als Gegengewicht zum Kapitalismus und Nationalismus

Die Werte, denen ich selber den Vorzug gebe, sind die Werte einer
sozialistischen Demokratie. Die Menschenrechte sind die Basis, doch während
der Kapitalismus das „Recht auf privates Eigentum“ vor alle anderen Rechte
stellen und die Gier als „treibende Kraft“ der technologischen Entwicklung
sieht, hat der demokratisch-progressive Sozialismus die Chancengleichheit im
Sinn und steht für die Beseitigung der enormen Unterschiede zwischen Armen
und Reichen. Niemand soll mehr Hunger leiden und kein Mensch wird
zurückgelassen. Die Umweltzerstörung muss gestoppt werden und die
Technologie gehört zum Wohl der gesamten Menschheit eingesetzt.
Wissenschaftliche Erkenntnisse statt religiösen Aberglauben, ein Staat der sich
um die Nöte und Interessen der Menschen kümmert und eine Gesellschaft, die
sich dem Allgemeinwohl widmet.

Denn auch der Sozialismus entwickelt sich weiter und die Werte, denen wir
folgen, sind ebenso das Resultat einer Evolution. Dabei sollte man immer einen
dieser Werte vor Augen haben: Toleranz! Aber auch Gleichberechtigung,
Hilfsbereitschaft, Umwelt und Tierschutz, Selbstbestimmungsrecht und
individuelle Freiheit gehören dazu.

Welche Werte halten wir „aufgeklärten“ Europäer noch für wichtig? Was
glauben unsere Leser? Die Redaktion von Info-Welt freut sich schon jetzt auf
eure Feedbacks (mit dem Wert „Respekt vor anderen Meinungen natürlich...).

Bildquelle:

https://www.flickr.com/photos/normanbleventhalmapcenter/